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23.11.2018

Propst Schütz kritisiert die „Diskreditierung der Wahrheit“

Gelungene Kombination von Gottesdienst und Martinskirchengespräch

Bußtage dienen der Kirche dazu, die Menschen dazu aufzurufen, Innezuhalten,  ihr Handeln und ihre Werte zu überdenken. Das Motto „Was kann ich glauben?“ des zentralen Gottesdienstes im Propsteibereich Rheinhessen und Nassauer Land in der Evangelischen Martinskirche in Jugenheim war daher, angesichts der Verunsicherung der Gesellschaft durch populistische Parolen und „alternativen“ Fakten, gut gewählt.

Im Anschluss an den von Propst Dr. Klaus-Volker Schütz geleiteten und sehr gut besuchten Gottesdienst sorgte das Martinskirchengespräch dafür, dass dieses Thema von unterschiedlichen Seiten beleuchtet wurde. Die hochkarätigen Gäste der von dem Fernsehjournalisten Uli Röhm moderierten Podiumsdiskussion, Doris Ahnen, Staatsministerin der Finanzen des Landes Rheinland-Pfalz, Nikolaus Brender, ehemaliger ZDF Chefredakteur, und der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Oliver Quiring, sprachen erstaunlich offen über die eigene Glaubwürdigkeit, die Verantwortung der Medien und die Notwendigkeit des Vertrauens in die Politik.

Doch zunächst thematisierte der Propst für Rheinhessen und das Nassauer Land, Dr. Klaus-Volker Schütz, seinen Zuhörern, unter denen sich nicht nur Dekaninnen und Dekane der Propstei befanden, sondern auch EKHN-Präses Dr. Ulrich Oelschläger, eindringlich das Bedürfnis des Menschen zu glauben. Gelingendes Leben komme, so der Theologe, trotz aller Diesseitigkeit, ohne Glauben nicht aus. Denn „der Mensch glaubt, weil er nicht anders kann. Wir sind auf Sinn angelegt und darauf, dass wir ein metaphysisches Obdach haben“. Schütz kritisierte, dass die Diskreditierung der Wahrheit mittlerweile zum politischen Geschäft gehöre, und belegte anhand zahlreicher Bibelstellen, dass der christliche Glaube, dem Menschen Stabilität gebe, dass die christliche Ethik den Gläubigen zu Ehrlichkeit, ja zur Offenheit und Transparenz verpflichte: „Als Christinnen und Christen trainiert uns das Evangelium. Dort wohnt unser Halt“.

Im Anschluss an den Gottesdienst richtete Moderator Röhm – provokant das Motto des Abends aufgreifend – an die Gäste des Martinsgespräches die Frage: „Kann man ihnen glauben?“. Woraufhin Ministerin Ahnen entgegnete: „Beantworten sie die Frage doch einfach selbst, wenn sie aus der Veranstaltung gehen. Ich wäre schon zufrieden, wenn sie zu dem Ergebnis kämen, die ist ja gar nicht so unglaubwürdig.“ Die Kategorie der Glaubwürdigkeit sei für sie jedenfalls in der Politik die wichtigste Kategorie.

Der frühere ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender betonte, dass die Glaubwürdigkeit eines Journalisten davon abhänge, ob es ihm gelänge, dem Medienkonsumenten nicht nur an der eigenen Suche nach der Wahrheit teilhaben zu lassen, sondern auch daran, welche Zweifel der Journalist vielleicht auch an seiner Recherche hat. Nur so könne dieser das Ergebnis der Analyse des Journalisten auch wirklich nachvollziehen. Der Kommunikationswissenschaftler Quiring antwortete auf die Frage, ob er glaubwürdig sei, knapp mit: „Ich hoffe es.“ Schließlich sei es ja seine Aufgabe als Wissenschaftler „der Wahrheit näher zu kommen als andere, dafür haben wir ja gelernt wie das funktioniert“. Er wäre jedoch auch schon damit zufrieden, wenn seine Rezipienten, sich mit seiner Arbeit auf eine skeptische, aber konstruktive Weise auseinandersetzen würden.

Gefragt, welcher Instanz denn glaubwürdiger sei, stellte Quiring fest, dass Journalisten immer noch als neutral wahrgenommen würden, während die Vertreter der Kirchen und Politiker eher als strategische Akteure gesehen würden. In der Folge wurde diskutiert, wie denn sowohl die Politik, als auch der Journalismus das Vertrauen der Menschen stärker gewinnen können. Der Jounalist Brender appellierte an die Zuhörer, sich bewusst zu machen, dass Qualitätsjournalismus etwas koste und die Gesellschaft dafür auch etwas investieren müsse, z.B. in Online-Abonnements. Ministerin Ahnen ergänzte, dass Politik einen Vorschuss an Vertrauen vom Wähler benötige, sonst „funktioniert es nicht“. Im Hinblick auf die Europawahl im Jahr 2020 warnte sie davor, dass sich über die sozialen Netzwerke massiver Widerstand gegen Europa formieren könne mit der Konsequenz einer rechten, europakritischen Mehrheit im Europaparlament. Der Abend endete mit versöhnlichen Statements. Journalist Brender resümierte, dass er in seine Wahlheimatstadt Berlin zurückkehre mit dem Erlebnis nicht nur in einer architektonisch wunderschönen Kirche gewesen zu sein, sondern auch an einer Diskussion teilgenommen zu haben, die sehr offen war mit Politikern, Wissenschaftlern und Gläubigen „und einem Gottesdienst der sehr erfüllend war“. Und Doris Ahnen bedankte sich für das Geschenk „Vertrauen in Gemeinschaft heute abend erleben zu können“.