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19.10.2018

Konkurrenz auf dem Friedhof

Bestattungskultur im Wandel zwischen Glaubenskultur und Geschäft

Quelle: virra / pixelio.de

Bei der jährlichen ökumenischen Pfarrkonferenz diskutierten evangelische und katholische Kirchenleute in Worms über aktuelle Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft. Während der jüngsten Zusammenkunft referierte Dr. Klaus-Volker Schütz, evangelischer Propst für Rheinhessen und das Nassauer Land, über neue Formen in der Bestattungskultur. Als praktischer Theologe und Pastoralpsychologe beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit diesem Thema.

Früher gab es für alle Beteiligte Sicherheit bis in kleinste Detail, wie eine Beerdigung abläuft. Den Pfarrern wurde dabei eine hohe Ritualkompetenz zugesprochen. „Wir wissen, was man tut und was man besser lässt. Das wird in der Regel auch heute noch von Angehörigen angenommen“, so Schütz. Doch eine neue Kommunikations- und Veranstaltungskultur bringt neue Orte des Gedenkens hervor, darunter Kreuze und Blumen am Straßenrand, aber vor allem die sich immer höherer Beliebtheit erfreuenden Friedwälder. Seinerzeit als Pionier nahm ein Friedwald bei Kassel im Jahr 2001 den Betrieb auf. Zur Eröffnung des ersten Friedwaldes im Rhein-Main-Gebiet kamen zahlreiche Besucher, darunter viele junge Menschen, zum Teil Familien mit Kindern, weiß Schütz zu berichten.

„In der Begräbniskultur spiegeln sich der kulturelle Hintergrund und der soziale Stand einer Epoche“, konstatiert der Referent. Demnach ist die Entscheidung für ein Urnengrab, für einen Platz auf dem HSV-Grabfeld in Stadionnähe oder für eine Beerdigung mit kirchlichem Geleit von gesellschaftlicher Relevanz. „Der Wandel ist enorm, die Zahlen spiegeln ihn“, führt der Propst weiter aus. Gerade in den neuen Bundesländern gehe der Trend zur Urnenbestattung, zudem würden immer weniger Menschen mit kirchlichem Geleit zu Grabe getragen. Auch eine Studie der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zeigt, dass für 70% der Beerdigungen die kostengünstigere Feuerbestattung gewählt wird. Dazu kommt die zunehmende Anzahl von Sozialbestattungen. Diese wird durchgeführt, wenn die Angehörigen verarmt, nicht auffindbar oder nicht bereit sind die Beerdigung zu zahlen. Dadurch steigt die Anzahl der anonymen Bestattungen. Durchaus ein Zeichen gesellschaftlichen Wandels.

„Wir wollen offen sein für neue Bestattungsformen“, gibt der evangelische Propst kund. Schließlich würden Angebote wie die Diamantpressung der Asche von Verstorbenen, Heißluft-Zeremonien oder das Verstreuen der Asche im Garten zeigen, wie wichtig dieses Thema für die Gesellschaft ist. Aber es müsse Grenzen geben: „Unsere Kirche will sich der Ökonomisierung verweigern solange es geht. Die Menschenwürde darf nicht verloren gehen. Deshalb braucht jeder Beerdigungsakt Regeln, um der privaten Willkür am Grab vorzubeugen, denn nach christlichem Verständnis ist das Totengedenken keine Privatsache“. Natürlich brauche jede Bestattung eine einfühlsame Begleitung und individuelle Ausgestaltung. Dabei dürfe nicht in Vergessenheit geraten, dass Trauernde seit Jahrhunderten in Kirchengemeinden den Zuspruch christlichen Hoffnung finden und während schmerzvoller Zeiten Beistand erfahren.

„Friedhöfe sollen als Orte gesellschaftlicher Gedenkkultur erhalten bleiben“, wünscht Propst Schütz. Daher sollten auch Friedwälder die Möglichkeit bieten, Namen und christliche Symbole am Grab anzubringen. Dass die Kirche Konkurrenz auf dem Friedhof bekommen hat, empfindet der Geistliche aber grundsätzlich als positiv: „Das schärft den Blick auf einen wichtigen Teil kirchlicher Arbeit und erinnert daran, dass das Thema Beerdigungskultur in Aus- und Fortbildung mehr in den Fokus rücken muss.“