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26.03.2018

„Was macht das Kreuz dort an der Wand?“

13. Interreligiöser Dialog diskutiert Grundlagen der Religionsfreiheit

Mit der Fragestellung „Was macht das Kreuz dort an der Wand?“ griff der 13. Interreligiöse Dialog, ein derzeit vieldiskutiertes Thema auf: Das Verhältnis von Religion und Staat. Die Organisatoren, die Evangelische Johanneskirchengemeinde und die Binger Volkshochschule, hatten in das Stefan-George-Haus ebenso prominente wie redegewandte Vertreter der Religionen eingeladen: Neben dem Propst für Rheinhessen und Nassauerland, Dr. Klaus-Volker Schütz, als Repräsentanten der Evangelischen Kirche waren Dr. Alexander Nawar, Ökumenereferent des katholischen Bistums Mainz, Dr. Hüseyin Kurt, Koordinator der Arbeitsgemeinschaft türkischer Moscheevereine in Frankfurt, und Yoshiharu Matsuno, Lehrmeister der buddhistischen Gruppierung Soka Gakkai eingeladen.

In einer kurzen Einführung gab der Moderator der Veranstaltung, der Politologe Dr. Ralf Kohl, den Zuhörenden im Ida-Dehmel-Coblenz-Saal einige grundlegende Informationen: Im deutschen Grundgesetz werde zwar in Paragraph 4 Religions- und Gewissensfreiheit gegeben, der Staat verhalte sich aber religiös und weltanschaulich neutral. Dass dies nicht nur aus den Erfahrungen der deutschen Geschichte heraus wohlbegründet, sondern auch heute noch das Fundament eines guten Miteinanders der Religionsgemeinschaften in Deutschland ist, bestätigten alle Diskussionsteilnehmer. Propst Dr. Klaus-Volker Schütz erläuterte, dass der Staat als neutrale Instanz die Aufgabe habe, über das friedliche Miteinander der Religionen zu wachen: „In der Gesellschaft der Zukunft werden wir mit den religiösen Symbolen der anderen zu leben lernen, aber man darf niemanden auf ein einziges religiöses Symbol verpflichten. Miteinander verpflichtet sind wir als Vertreter der unterschiedlichen religiösen Gemeinschaften auf den säkularen Rechtsstaat, der sich an den Menschenrechten orientiert“.

Sehr schnell kristallisierte sich in der Diskussionsrunde als Kritik heraus, dass insbesondere die jüngeren unter den in der Bundesrepublik lebenden Menschen nur noch sehr wenig über die Grundwerte der deutschen Demokratie und damit auch über die von ihr geschützte Religionsfreiheit wissen. In diesem Zusammenhang forderte der katholische Theologe Dr. Alexander Nawar: „Wir müssen wieder mehr über die geistigen Überzeugungen diskutieren, welche die Grundlagen eines staatlichen Zusammenlebens sind, denn Demokratie ist nichts, was von einer Generation zur anderen überschwappt, sondern jede Generation muss von Neuem die Demokratie ergreifen und muss dafür auch kämpfen und alle, die antidemokratisch sind, bekämpfen“. Propst Schütz verwies darauf, dass gerade das Wissen um die Wurzeln unserer heutigen Staatsform für das Miteinander der Religionen wichtig sei. Der deutsche säkulare Staat sei christlich-jüdisch geprägt, aber man müsse aufpassen, wenn heute wieder lautstark gefordert werde, dass von Deutschland als einem christlichen Land zu reden sei, denn dieser säkulare Staat sei mindestens genauso den Werten der Aufklärung verpflichtet, die zwar aus der Religion erwachsen, aber auch gegen sie formuliert worden seien. Und gerade dieser „Geist des alten Europa“ habe bewirkt, „dass wir allen Religionsgemeinschaften unter uns Raum geben und dass alle religiösen Sprachen und Dialekte in unserem Land eine Heimat finden können“. Die Freiheit der Religionsausübung wurde übrigens auch von den anderen Religions-Vertretern als wichtiges, vom Staat zu schützendes Gut genannt. So betonte der Buddhist Yoshiharu Matsuno: „Politik muss ein Förderer der spirituellen Entwicklung des Menschen sein“ und Dr. Hüseyin Kurt als Vertreter des Islams erklärte, dass für ihn das historisch gewachsene Grundgesetz ein wichtiger Pluspunkt für sein Leben in Deutschland sei. So könne er sicher sein, dass „ich auch noch in 30 Jahren sagen werde, lieber Gott, lieber Allah, ich danke dir, dass du mir dieses wunderbare Deutschland als Lebensraum geschenkt hast“. Zum Abschluss plädierte der katholische Theologe Nawar, vom Konsens der anderen Diskussionsteilnehmer getragen, mehr in die Bildung und hier insbesondere in die Lehre zu investieren. Denn: „Wir müssen dahin kommen, dass der Mensch wieder selbst und vor allem differenziert denkt“. Und dazu braucht es Gruppen, die für bestimmte Grundwerte und -ansichten eintreten, so dass man sich eine eigene Meinung bilden kann. Religionsgemeinschaften können hier einen wichtigen Beitrag leisten, der durch die Religionsfreiheit im Grundgesetz gefordert wird und durch den die Rahmenbedingungen setzenden Staat ermöglicht werden muss.