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23.02.2018

„Wir müssen Tod und Sterben aus der Tabuzone holen“

Jugenheimer Martinskirchengespräch thematisierte gern verschwiegenes Thema

Es war ein schwieriges, aber dennoch jeden betreffendes Thema, welches das Vorbereitungsteam der Evangelischen Kirchengemeinde Jugenheim für das jüngste „Martinskirchengespräch“ ausgewählt hatte: „Der Umgang mit dem Tod – wo sind die Toten zuhause?“. Und wie schon bei den vergangenen Veranstaltungen dieser Art hatte man sich für das Podium kompetente Gäste eingeladen, wie den evangelischen Theologen und Propst für Rheinhessen und Nassauer land, Dr. Klaus-Volker Schütz, die Ärztin Dr. Iris Kühn, Polizeihauptkommissar Manfred Stein, die Bestatterin Angela Kreichgauer, die Theologin Christina Weyerhäuser, die sich im Rahmen ihrer Dissertation u.a. mit den Bestattungsriten in Jugenheim beschäftigen wird, sowie den Jugenheimer Ortsbürgermeister Herbert Petri, zu dessen Aufgaben auch die Verwaltung des Dorf-Friedhofes gehört. Als Moderator führte der Fernsehjournalist Uli Röhm durch den Abend, indem er den Ansprechpartnern gut vorbereitete Fragen darüber stellte, wie sie in ihrem Berufsalltag mit dem Thema „Tod“ konfrontiert werden und damit umgehen. 

Doch zunächst wurden die rund 80 Besucher der Veranstaltung mit einer von der 10jährigen Grundschülerin Inga Schillhahn glänzend vorgelesenen Fabel des österreichischen Schriftstellers Felix Salten in das Thema eingestimmt. Und die Jugenheimer Pfarrerin Sarah Kirchhoff machte zu Beginn der Veranstaltung ihre ganz eigenen Gedanken: „Bei Todesfällen erwartet man von uns Pfarrerinnen, Pfarrern und Priestern, dass wir da, wo sonst die Worte fehlen, wo keiner Worte hat, dass wir Worte finden, dass wir Türen öffnen, wo Zugänge verschlossen scheinen, dass wir helfen, einen Weg in die Zukunft zu weisen und das tun wir nie  aus uns selbst heraus, sondern die Worte, die wir sagen und weiter geben, dass sind die Worte auf die wir selbst hören, das biblische Wort aus dem wir leben, an das wir glauben und das wir manchmal auch stellvertretend für die Menschen, die wir bestatten glauben“. Die Ärztin Dr. Iris Kühn erläuterte, dass es in ihrer Berufspraxis fließende Übergänge vom behandelnden Arzt zum seelsorgerlichen Gesprächspartner gebe, dass das Thema „Seelsorge“ aber leider nicht zwingend Teil der ärztlichen Ausbildung sei. Der Polizist Manfred Stein schilderte anschaulich, dass das Überbringen von Todesnachrichten zu den schwersten Aufgaben seines Berufsalltags gehört. Die Bestatterin Angela Kreichgauer hat erfahren, dass ihr Wissen und ihr Rat, welche Schritte nach dem Tod eines Angehörigen zu ergreifen sind, für die Hinterbliebenen schon tröstlich sind. Allein deshalb, weil „wir merken, dass das Thema Tod aus den Familien verschwindet“. Auch die Theologin Christina Weyerhäuser hat während ihrer Ausbildung zur Pfarrerin erlebt, dass insbesondere in den Städten althergebrachte Trauerrituale mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Demgegenüber ist der Jugenheimer Ortsbürgermeister Herbert Petri froh, dass in einem Dorf wie Jugenheim in einem Todesfall das soziale Netzwerk innerhalb der Gemeinde gut funktioniert, auf dem Jugenheimer Friedhof seien aber dennoch veränderte Bestattungs-Trends, z.B. zur Urnenbestattung, deutlich zu spüren. Der Propst für Rheinhessen und Nassauer Land, Dr. Klaus-Volker Schütz, stellte sogar die These auf, dass „die Art und Weise wie wir bestatten ein Spiegel für die Art und Weise wie wir leben“ sei. Mittlerweile gäbe es ja, so Schütz, gerade in Bezug auf die Bestattungsriten zahlreiche Kuriositäten auch in Deutschland, wie z.B. spezielle Fan-Friedhöfe von Fußballvereinen oder das Mitnachhausenehmen von Urnen. „Ich will das gar nicht kritisieren“, erklärte der Propst, „es ist auch nicht die Rolle unserer Kirche zu sagen, das geht oder das geht nicht“. Stattdessen gelte es für die Kirche, diese Entwicklungen zu begleiten und weiter darauf hin zu weisen, dass die Toten in die Mitte der Gemeinschaft gehören. „Was wir brauchen sind die Friedhöfe in unseren Dörfern und einen guten Umgang mit der Situation von Tod und Trauer. Und die Tradition, die Rituale, die wir haben, helfen uns, diese schlimmen Situationen zu bestehen. Wir müssen wieder einen neuen Anlauf nehmen, denke ich, Tod und Sterben aus der Tabuzone zu holen“.