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15.02.2018

Damit Integration gut gelingt

Konstruktiver Austausch von Ehrenamtlichen und Verwaltung in Jugenheim

Die Jugenheimer Initiative „Willkommen im Dorf“ ist eine der ältesten Flüchtlingsinitiativen in Deutschland. Mit seinen Erfahrungswerten und Informationsmaterialien hat es sich zu einer Art Leuchtturmprojekt entwickelt. Dennoch stellen bürokratische Hindernisse auch in Jugenheim noch immer zusätzliche Herausforderungen für die geflüchteten Menschen und diejenigen, die sich hier für sie einsetzen, dar. Wie Ehrenamtliche und Verwaltung noch besser zusammenarbeiten können, war daher Thema bei der „Runde vor Ort“ in der  rheinhessischen Gemeinde. Zu Gast in Jugenheim waren: Dorothea Schäfer, die neue Landrätin für Mainz-Bingen sowie Dr. Klaus-Volker Schütz, der Propst für Rheinhessen und das Nassauer Land.

Leuchtturmcharakter für die gesamte Landeskirche EKHN habe die Jugenheimer Initiative, als durchdachtes Projekt mit sehr guter Vernetzung, lobte der Propst die Jugenheimer Initiative. Hier wie auch in anderen Gemeinden, die Unterstützung für Flüchtlinge bieten, zeige sich die besondere Infrastruktur der Kirche. Für die Jugenheimer sei es außerdem selbstverständlich, nicht das gesammelte Wissen  für sich zu behalten, sondern mit anderen Engagierten zu teilen: „Erfahrungen, die wir hier machen, möchten wir an andere weitergeben“, betonte Uli Röhm als Koordinator der Initiative „Willkommen im Dorf“. Unterstützt wird er darin von Pfarrerin Sarah Kirchhoff, Ute Beyer-Luff  und dem Jugenheimer Kirchenvorstand sowie zahlreichen weiteren Ehrenamtlichen als Paten. Dieser Einsatz sei nicht selbstverständlich, erklärte Dorothea Schäfer und betonte, dass eine gute Kooperation auch für sie ein Herzensanliegen sei: „Denn auch ich habe großes Interesse daran, dass Integration funktioniert.“

Zahlreiche Fragen konnte auch Fatima Bouy als Fachbereichsleiterin für Asyl und Integration aus erster Hand beantworten. Weitere Anliegen sollen baldmöglichst bearbeitet werden. Ein zentrales Thema für die Jugenheimer ist es, mehr Kinder aufnehmen zu können, speziell in der evangelischen Kindertagesstätte. „Schon durch kleine Umbaumaßnahmen könnten wir dann 60 statt derzeit nur 45 Plätze anbieten“, erklärte Leiterin Cindy Zahn. Groß sei der Wunsch nach einer frühzeitigen Betreuung, ob bei einheimischen oder geflüchteten Familien. Letztere stehen auf der Warteliste mit drei Kindern, die in der Tagesstätte in guten Händen wären, sagte sie.

„Gerade wenn wir Notlagen sehen, für die Eltern und Kleinen, würden wir gern weiterhelfen“, bestätigte Pfarrerin Sarah Kirchhoff. Auch der besseren Integration aller käme dies entgegen. Gerade in diesem Bereich sei generell zusätzliche externe Unterstützung von Vorteil, für das Kita-Team wie für die Kleinen, speziell wenn sie besondere Aufmerksamkeit fordern. Traurig sei allerdings die Erfahrung gewesen, die sie schon mehrfach machen musste, beschrieb Cindy Zahn: Nach aufwändiger Eingewöhnung und Hilfe mussten Familien aus dem Ort wegziehen.

Weitere Fälle wurden geschildert, mit kurzfristig umgesetzten Maßnahmen einerseits oder sehr langen Bearbeitungszeiten als anderes Extrem, auch bei zuständigen Stellen des Landes oder Bundes. So können Verwaltungsvorschriften und bürokratische Hemmnisse dazu führen, dass keine Unterstützung gezahlt wird, was vor allem für junge Familien schmerzhaft sei. Die Fehler, die bei Aufnahmen über Übertragungen persönlicher Daten entstanden wären, führten mitunter zu Schwierigkeiten, doch sie ließen sich nur schwer korrigieren, wurde beklagt. Auch dass wichtige Dokumente nicht mehr auffindbar seien, die bei Ämtern im Original eingereicht werden müssten, sei schon öfters vorgekommen, berichteten die Jugenheimer. Auf mehrfache Nachfragen hin hätte sie keinerlei Rückmeldung erhalten, sagte eine Patin. Sie forderte zudem eine schnellere Bewilligung von Nachhilfe, ohne wochenlange Lernpausen. Privat könne sie dies nicht auch noch finanzieren, warb sie um Verständnis, mit Blick auf den großen Aufwand an Zeit und Mühe. Hierzu zählen auch Fahrdienste für junge Leute, etwa zum Fußballtraining, oder die gemeinsame Suche nach Praktikums- und Arbeitsplätzen.

Mit Blick auf Deutschkurse wären noch mehr praktische Tipps sinnvoll, waren sich die Helfer einig, zum Beispiel in Bezug auf das korrekte Briefeschreiben. Amtliche Bescheide sollten verständlicher sein, in einer einfacheren Sprache gehalten. Maßnahmen hierzu gäbe es schon, informierten Dorothea Schäfer und Fatima Bouy, ob Kataloge für Formulierungen oder Schulungen, doch dies müsse immer auch juristisch Bestand haben. Eine Herausforderung für die Kreisverwaltung sei es auch, Wohnraum zu bieten, gerade wenn dieser binnen weniger Tage benötigt werde. Da hoffe man auf Verständnis für neue Zuteilungen und Umzüge oder provisorische Behelfe. Zügig gute Lösungen zu finden, darum sei man auch beim Familiennachzug bemüht. Er bringt neue Schwierigkeiten mit sich, doch auch die Freude über das lang erhoffte Wiedersehen.

 

Fotos: Propstei Rheinhessen und Nassauer Land