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22.01.2018

Bildungspolitik als Errungenschaft der Reformation

Ausstellung „Luther und Europa“ im Evangelischen Gemeindehaus Mainz-Gonsenheim

Kirchenhistoriker Prof. Dr. Wolfgang Breul, Universität Mainz

Ausstellung Luther in Europa

Pfarrerin Dr. Angela Rinn, Mainz-Gonsenheim

Mit der am 16. Januar im Evangelischen Gemeindehaus in Mainz-Gonsenheim eröffneten Wanderausstellung „Luther und Europa“ klingt das Reformationsjubiläum des vergangenen Lutherjahres nach.

26 informative Bildtafeln skizzieren durch einen didaktisch geschickten Aufbau die Auswirkungen der Reformation auf ganz Europa. Sieben Themenbereiche beleuchten zunächst das zeitgenössische Umfeld, gehen auf mittelalterliche Vorstellungswelten, auf neuzeitliches Denken, die humanistische Bildungsbewegung und auf Luther und seine Vorläufer ein. Im zweiten Themenblock stehen Luthers Thesenanschlag vom 31. Oktober 1517, Luthers Auftritt in Worms mit dessen Weigerung zu widerrufen und die Frauen in der Reformationszeit im Mittelpunkt.

Ein besonderer Fokus liegt auf dem Wirken des Landgrafen Philipp von Hessen (1504-1567), einem wichtigen politischen Akteur des Protestantismus. Er trifft Luther erstmals auf dem Reichstag in Worms 1521 und führt als einer der Ersten den neuen evangelischen Glauben in seinem Land ein. Über das umfassende kirchliche Reformprogramm des hessischen Landgrafen, die „Reformatio“ von 1526, heißt es auf einer der Bildtafeln: „Mit der theologischen Neuordnung gehen grundlegende bildungspolitische Reformen wie die Einrichtung von Elementarschulen, die Gründung einer Universität zu Marburg sowie die Etablierung eines Unterstützungswesens durch Stipendien einher.“ Die Bildungspolitik sei eine der großen Errungenschaften des Reformators gewesen, erläutert Prof. Dr. Wolfgang Breul im Rahmen seines Impulsvortrags zur Ausstellungseröffnung.

Mit Blick auf den Themenblock „Luther und die Juden“ betont der Professor der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Mainz, es sei wichtig, dass man dieses unschöne Kapitel nicht verschweige. Umfassend behandelt die Ausstellung das Marburger Religionsgespräch 1529, bei dem Luther und Zwingli, „die führenden Vertreter der beiden Hauptrichtungen der reformatorischen Bewegung in Europa“, nach einer Lösung im Abendmahlsstreit suchen. Näher beleuchtet werden zudem die Züricher und Genfer Reformation mit Zwingli, Bullinger und Calvin sowie die Ausbreitung des neuen Glaubens in Europa, ausgehend von Philipp von Hessen als „European Player“.
Was bedeuten nun Luther und die Reformation für Europa? Zunächst, so Prof. Dr. Breul, habe die Reformation einen gewaltigen Bildungsimpuls ausgelöst. Zudem werde Kirche seit jener Zeit „von unten gedacht“. Das beginne mit der Verantwortung aller Gläubigen. „Es gibt, wenn man es genau nimmt, keine Laien; alle haben Verantwortung für die Kirche. Jeder ist dazu befähigt, wenn die Gemeinde ihn dazu beruft.“ Ein weiterer wichtiger Impuls der Reformation sei die Eindeutschung des Gottesdienstes mit der Abkehr vom Lateinischen. „Was heute selbstverständlich ist, war damals eine Revolution“, sagt der Professor für Kirchen- und Dogmengeschichte. So habe die Reformation auf breiter Front dazu beigetragen, dass Gottesdienste in der Sprache des Volkes abgehalten wurden.

Schließlich habe die Reformation die Diversifizierung von Religion beschleunigt, drei große christliche Konfessionen und zahlreiche kleinere religiöse Gruppen seien entstanden. Zugleich sei es noch immer eine Herausforderung, wie Religionen miteinander auskommen. Schon im 16. Jahrhundert habe es Religionsgespräche und Verständigungen gegeben. „Es gab damals schon Ansätze für einen modernen Umgang untereinander“, resümiert der Kirchenhistoriker abschließend.

Viele Ausstellungen habe sie im Lutherjahr besucht, erzählt Pfarrerin Dr. Angela Rinn den zahlreich erschienenen interessierten Besuchern der Vernissage. Bis sie diese Ausstellung gesehen habe, sei ihr allerdings nicht klar gewesen, „was für ein ‚Global Player‘ Landgraf Philipp von Hessen war. Er hatte politische Verbindungen in ganz Europa, bis hin nach Spanien“, so die Gonsenheimer Pfarrerin.

In ihrem Grußwort dankte Ortsvorsteherin Sabine Flegel der „engagierten Pfarrerin“, dass sie es geschafft habe, die informative Ausstellung im Sinne des Bildungsauftrags der evangelischen Kirche nach Gonsenheim zu holen. Mit Blick auf die vielen Interessierten der Vernissage sagte sie: „Ihnen ist es gelungen, Menschen auch außerhalb der Kirche anzusprechen und sie zu begeistern für Luther, für die Kirche und für Ihren Glauben.“

INFORMATION:

Begleitbuch zur Ausstellung: „Luther und Europa“ von Justa Carrasco und Reinhard Neebe, erschienen in den Schriften des Hessischen Staatsarchivs Marburg, Band 30, Marburg 2015,
ISBN 978-3-88964-215-