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11.01.2018

Neue Perspektiven für das „END-liche“ des Lebens

Früherer Ratsvorsitzender der EKD im Streitgespräch zum Thema Tod und Sterbehilfe

Es war ein bewegender Abend, den die rund 100 Besucher der Vortragsveranstaltung „END-lich leben und sterben“ im Vorlesesaal 205 auf dem Gelände der Mainzer Universitätskliniken erlebten. Ein Abend, in dessen Mittelpunkt ein Thema stand, über das im Alltag in der Regel nur sehr selten und wenn, dann nur sehr ungern geredet wird: der Umgang mit dem Sterben und dem Tod. Die Klinik- und Altenseelsorge im Evangelischen Dekanat Mainz sowie die Evangelische Seelsorge in der Universitätsmedizin Mainz hatten den ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider und seine Frau Anne, ebenfalls Theologin, zu einem Dialogischen Vortrag mit sich anschießender Diskussionsrunde eingeladen.

Dass sehr sympathische Ehepaar musste bittere Erfahrungen mit Krankheit und Tod machen: 2005 starb, erst 22jährig, Tochter Maike. 2014 erkrankte Anne Schneider an Krebs und Nikolaus Schneider trat von seinem Amt als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands zurück, um seiner Frau in der schweren Krankheit beizustehen. Das gemeinsam Erlittene ließ die beiden Theologen zu ebenso wortgewaltigen wie streitbaren Ansprechpartnern werden, wenn es um den Umgang unserer Gesellschaft mit dem Tod und insbesondere das Thema „Sterbehilfe“ geht, denn hier nehmen die Ehepartner durchaus kontroverse Haltungen ein, die bei ihrem Vortrag in Mainz deutlich zu Tage traten.
Zunächst ging Nikolaus Schneider darauf ein, unter welchem Blickwinkel in unserer Gesellschaft heute der Tod betrachtet werde. „Katalysator des Wandels“, wie Apple-Gründer Steve Jobs den Tod bezeichnet habe, oder „große Wandlerin“, wie die Schriftstellerin Cornelia Funke den Tod bezeichnete, diese Begriffe gefallen Schneider auch aus theologischer Sicht gut, weil „unsere Toten durch ihren Tod gewandelt und in Gottes Ewigkeit erneuert würden“. Wichtig sei ihm aber auch, dass der Tod geliebter Menschen „wie auch jeder realistische und zugleich empathische Umgang mit Sterbenden“ auch das Leben „von uns Zurückbleibenden“ wandele. Anne Schneider ergänzte diese Ausführungen ihres Mannes mit der Forderung: „Verdrängen und Vermeiden von Sterbeprozessen und von Beziehungen zu Sterbenden banalisieren unser Leben “.

Im weiteren Dialog wurde deutlich, dass zwar sowohl Nikolaus als auch Anne Schneider vom „Vertrauen in Gott über den Tod hinaus“ getragen werden. Anne Schneider jedoch stellte in Frage, ob man sich auch angesichts von „vorzeitigen und qualvollen Sterbeprozessen“ ganz auf Gottes Gnade verlassen könne. Ob nicht die Gewissheit, dass Sterben und Tod den Menschen nicht von der Liebe Gottes trenne, diesem die Möglichkeit eröffne, „die theologisch-ethische Reflektion der Selbsttötung und damit auch die Beihilfe zur Selbsttötung aus der religiösen Tabu-Zone einer „unmöglichen Möglichkeit“ herauszuholen. Für sie sei es eine erschreckende Vorstellung schwerstkrank „gestorben zu werden“ – hilflos ausgeliefert an andere Menschen und an gefühllose Maschinen. „Ohne eigene Kontroll- und Entscheidungsmöglichkeiten. Nur hoffen, klagen und beten, dass ein sich erbarmender Gott unser Siechtum beendet“.

Angesichts dieser Argumentation gab Nikolaus Schneider aus theologischer Sicht zu bedenken, dass der Mensch sein Leben und Sterben dem schöpferischen Wirken Gottes verdanke und der gnädigen Zuwendung Gottes vertrauen könne. „Und ganz wichtig“, gab der frühere Ratsvorsitzende zu bedenken, „Die uns von Gott übertragene Verantwortung für das Ende des menschlichen Lebens überschreitet grundsätzlich und ausnahmslos ihre Grenze, wenn wir anderen Menschen ihre Menschenwürde, ihr Lebensrecht und eine mögliche Lebensverlängerung absprechen und verweigern“. Schneider räumte allerdings ein, dass ärztliche Suizidbeihilfe seines Erachtens nicht generell als „organisierte Beihilfe“ zu bewerten sei, welche ja vom 2015 vom Bundestag verabschiedete Gesetz zur Sterbehilfe unter Strafe gestellt werde, sondern dass es in konkreten Situationen manches Mal theologisch-ethische und rechtliche „Grauzonen“ gäbe.

Diese Sichtweise ging Anne Schneider jedoch weit genug, denn sie lehnt nicht nur das grundsätzlich „Nein“ der Kirche zur Sterbehilfe ab, sondern fordert, dass eine „Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit im Blick auf eine eventuelle Verkürzung meiner Sterbephase respektiert werden. Und dass persönliche Freiheiten durch theologische Verurteilungen und durch unsere staatlichen Gesetze nicht allein deshalb beschnitten werden, weil diese Freiheiten unter Umständen missbraucht werden könnten“. Mit diesen nachdenklich stimmenden Aussagen endete der Dialog, an den sich dann noch eine ebenso lebhafte wie sachliche Diskussion anschloss, an der sich nicht nur ehrenamtliche MitarbeiterInnen der Krankenhausseelsorge und des Hospizdienstes beteiligten, sondern auch zahlreiche ÄrztInnen und PfarrerInnen.