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22.11.2017

Einen Fastnachtsorden für den Pfarrer

Karnevalisten im traditionell katholischen Bingen würdigen Engagement des protestantischen Theologen Olliver Zobel auf ihre Weise

Es war schon eine kleine Sensation: In Bingen wurde der Pfarrer der Evangelischen Johanneskirchengemeinde, Olliver Zobel, von dem tradtionell eher den Katholiken zugeneigten Fastnachtern für seine Verdienste um „Frohsinn und Narretei“ mit einem besonderen Fastnachtsorden ausgezeichnet. Der traditionsreiche Binger Karnevalverein verlieh ihm in einer Feierstunde den Großen Senatsorden des BKV mit dem Titel „Pour le Plaisir“. In der Laudatio würdigten die Binger Fastnachter, dass der gebürtige Hesse Zobel „das offene Wesen der Menschen am Rhein“ schätze, sich in der Stadt auf vielfältige Weise engagiere und aus seinen Gottesdiensten „Events“ mache. In einem Interview gab der Theologe nun darüber Auskunft, welche Impulse er für seine Gemeindearbeit von der Fastnacht erhält und wie er persönlich zu der alljährlich wiederkehrenden Narretei steht.

Herr Zobel, jetzt mal im Ernst, haben Sie sich diesen Orden verdient?

Ich war schon überrascht, als die Vertreter des Binger Karnevalsvereins (BKV) vor meiner Tür standen – schließlich ist der katholische Kollege viel enger mit dem Karneval in Bingen verbunden. Der BKV honoriert aber mit diesem Orden Menschen, die sich für die Stadt Binger einsetzen und dabei den Humor und Freude nicht zu kurz kommen lassen. Damit kann ich etwas anfangen, denn nicht nur mit unseren fröhlichen und lebendigen Gottesdiensten im Park am Mäuseturm, sondern auch sonst versuche ich Kirche so zu leben, dass der Spaß und die Freude nicht zu kurz kommt. Naja und die ein oder andere karnevalistische Veranstaltung habe ich über die Jahre in Bingen ja auch besucht.

In früheren Zeiten konnte es ja schon passieren, dass der Evangelische Pfarrer in Bingen dazu aufrief, die „katholische“ Fastnacht zu boykottieren. Wie stehen Sie heute zur Fastnacht und hat sie Auswirkung auf Ihr Gemeindeleben?

Gewiss gibt es Auswüchse im Karneval, die nicht ganz die meinen sind. Aber grundsätzlich bin ich immer wieder tief beeindruckt, was die Binger Karnevalsvereine ehrenamtlich Jahr für Jahr auf die Bühne bekommen. Und so sehr natürlich auch der Kokolores nicht zu kurz kommen darf, so sehr haben aber auch politische und kommunale Themen Platz in der Bütt und erreichen damit ein breites Publikum. Und mein katholischer Kollege schafft es auch immer wieder christliche Themen und Gedanken zu setzen – was will man da mehr.

Haben Sie schon einmal in der Bütt gestanden und, wenn ja, was war das Thema ihrer Büttenrede?

In Bingen bewusst nicht. Vor Jahren gab es ein ökumenisches Zwiegespräch zwischen dem katholischen Kollegen Herd und meinem Vorgänger Rauch. Die waren super und es wird mir immer noch von ihren Auftritten erzählt. Das hätte ich nicht kopieren können und wollen. Doch Dankesreden in Reimform, Witze auf der Kanzel oder auch ein Zwiegespräch mit Luther greifen solche karnevalistischen Formate auf und sind regelmäßig bei uns im Gottesdienst zu finden. Und außerdem ist es eine gute Tradition, dass am Ostermorgen der Tod verlacht wird und dazu gehören auch viele gute Witze, die im Familiengottesdienst und beim anschließenden Osterbrunch erzählt werden müssen – da drückt sich auch der evangelische Pfarrer nicht.

Wenn Sie heute gebeten würden, eine Fastnachtsrede zu halten, wie würden Sie beginnen und was wäre das Thema?

Gefährliche Frage, wenn die Binger Karnevalsvereine das lesen, stehen sie sicher gleich vor der Tür und fragen, auf welcher Sitzung ich das denn dann umsetzen würde – aber gut: Ich könnte mir gut vorstellen mal so ein Saaldiener im Bundestag zu werden, der sich über die Kleinkariertheit der Politikerinnen und Politiker so seine Gedanken macht. Und sich – ganz aktuell – fragt, warum sie das Mandat der Wähler nicht ernst nehmen, Kompromisse zu finden, die die deutsche Gesellschaft einen und die anstehenden Probleme lösen.

Wie nehmen Sie als Pfarrer der Johanneskirchengemeinde die Fastnacht in Bingen wahr?

Wie schon oben gesagt: Mich beeindruckt das ehrenamtliche Engagement in den Vereinen. Dabei erlebe ich, dass der Karneval auch mancher Grundhaltung im Bereich des Ehrenamtes entgegenkommt. Man will sich ja immer weniger kontinuierlich engagieren, sondern lieber Projektartig. Und solch eine Kampagne oder Sitzung ist ein gutes Projekt, klar abgezirkelt und zeitlich planbar. Da könnten wir als Kirchen gewiss noch manches lernen.

Die große Abschlussfeier der Reformationsjubiläums-Dekade ist ja noch allen in guter Erinnerung, deshalb die Frage, wie standen Luther und seine Reformatoren-Kollgegen der Fastnacht gegenüber? Und würden Sie diese Haltung heute noch einnehmen?

"Karneval und Rosenmontagszug gehören zum Rheinland wie Martin Luther zur Reformation", sagt der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski. "Da liegt es nahe, ganz im Sinne Luthers dem Volk nicht nur aufs Maul, sondern auch aufs Brauchtum zu schauen." Dieser Meinung kann ich mich nur anschließen und fand es eine gute Idee, dass unsere Mainzer Kollege im Reformationsjubiläumsjahr mit einem Luther-Wagen beim Rosenmontagsumzug dabei waren.