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07.11.2017

Reformationsfest rund um die Uhr - im Dekanat Wöllstein

Generationsübergreifend. Fröhlich. Nachdenklich stimmend. Bunt.

Die Evangelische Martinskirche bebt – vor Lachen, Fußgetrampel und schließlich Applaus. Es ist 18.30 Uhr und die Feier des Reformationsjubiläums im Dekanat Wöllstein in vollem Gange. Seit Mitternacht gibt es Angebote, die viele Menschen zum Verweilen und Mitmachen einladen. In Wolfsheim ist es der Mitmach-Familiengottesdienst, der die kleinen und großen Besucher in der voll besetzten Kirche mitreißt. Alle machen begeistert mit, wenn es gilt, mit Pfarrer Eric Kalbhenn die Geschichte Martin Luthers in knackigen Sätzen nach- und mitzuerleben. „Nö!“ sagte Luther vor 500 Jahren zum Ablasshandel, „Nö!“ ruft auch die ganze Gemeinde im Chor. Begeistert wird das Gewitter von Stotternheim lautmalerisch mit den Füßen nachempfunden und als es schließlich an das Aufzählen der 95 Thesen geht, ist bei einigen - zur großen Freude aller - bei 95 doch noch nicht Schluss.
Humorvoll, tiefsinnig und mitreißend ging es auch im zentralen Morgengottesdienst in Wöllstein zu. Der Kabarettist Lars Reichow hielt die Ansprache. Schon eine halbe Stunde vor Beginn war die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt. Alle noch kommenden Besucher wurden in das benachbarte Rathaus weitergeleitet, wohin der Gottesdienst live übertragen wurde.
In seiner „ersten Predigt in einer Kirche überhaupt“ machte Lars Reichow den Zuhörern Mut, Glaube in die Gesellschaft zu tragen und die Kirche immer wieder als bedeutungsvolles Zentrum mit menschennahen Angeboten ins Gespräch zu bringen. „Gott ist die beste Idee des Menschen“, sagt der Entertainer. Durch ihn werde klar, „es geht nicht immer alleine.“ In einer Zeit, in der es Mode sei, sich immer mehr um sich selbst zu drehen, sich im Spiegel oder Selfie anzuschauen und aus Solidargemeinschaften auszutreten, sei die Vorstellung von Gott, der die Liebe ist, revolutionär. Am wichtigsten sei dabei die Nächstenliebe, die immer wieder die Menschen motiviere. „Den Nachtisch gibt es dann im Himmel! Das darf man doch ruhig so sagen“, stellt er fest.
Auch wenn nicht jeder Gottesdienst so gut besucht ist wie an diesem Tag, sei die Kirche für ihn der „attraktivste, wertvollste gesellschaftliche Treffpunkt, den ich kenne.“ Ähnlich wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk funktioniere sie allerdings „linear“ und habe deshalb mit den veränderten Anforderungen der heutigen Zeit zu kämpfen. Gerade aber daher bleibe die Kirche wichtig und „ich wünsche mir von der Kirche, dass sie sich auf ihr Kerngeschäft konzentriert,“ so der Kabarettist. Der Glaube in der christlichen Gemeinschaft biete sozusagen eine „Betriebsanleitung fürs Leben und Sterben – alles natürlich ohne Garantie“ und das bleibe zentral. „Einen Zerfall der Kirche sollte sich wirklich niemand wünschen und den würden wir wahrscheinlich auch nicht überleben.“ Jeder Sonntagsgottesdienst sei dagegen die Chance der Kirche, an die Öffentlichkeit zu treten, „sozusagen eine wöchentliche Pressekonferenz im Namen Gottes“ zu veranstalten und die Menschen zu inspirieren.
Die „gute Idee Gott“ hatte am Reformationsjubiläumstag viel Anziehungskraft. Viele Menschen fanden sich ein und nutzen die unterschiedlichen Angebote in den verschiedenen Orten. Einige feierten wirklich den ganzen Tag. Um 0 Uhr genossen sie die einstimmende Andacht von Pfarrerin Anette Schmitt zu Luthers Familienwappen. „Die Symbolik der Lutherrose hat vor 500 Jahren berührt und berührt auch heute noch das Herz“, kommentierte einer der Frühaufsteher. Danach ging es zum Morgensegen mit anschließendem Frühstück bei Dekanin Monika Reubold in Sprendlingen. Zwei Autominuten weiter konnten die Besucher dann ganz ins Mittelalter eintauchen. In der Klosterkirche von Pfaffen-Schwabenheim sang die Choralschola „Chorale Augustiniense“ die lateinische Laudes. Nach dem Zentralgottesdienst musste man sich dann schon etwas beeilen, um pünktlich zur Luthertafel nach Wörrstadt zu kommen. Dort gab es Essen und Tischreden wie zu Luthers Zeiten. Von da aus ging es wieder nach Wöllstein. Dort fand sich um Punkt 15.17 Uhr ein „Flashmob“ rund um den Wöllsteiner Bläserkreis zusammen, der das Lutherlied „Ein feste Burg“ performte. Nach dem Familienevent in Wolfsheim, wo man sich auch noch einmal mit Suppe, Lutherweck, Stockbrot am Lagerfeuer und Glühwein stärken und aufwärmen konnte, ging es zur Andacht nach Neu-Bamberg und schließlich um 22 Uhr zur Orgelvesper wieder nach Wöllstein. Ein Besucher meinte: "Ich habe nur die drei großen 'Ws' gemacht, Zentralgottesdienst in Wöllstein, Lutheressen in Wörrstadt und Mitmach-Gottesdienst in Wolfsheim, und alles war so toll und unterschiedlich. Ich bin ganz erfüllt und glücklich.“

Text und Bilder: Margarete Geißler