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02.11.2017

„Das ist es, was bleibt, das Wort Gottes“

Kirchengemeinden verzeichnen mit vielfältigem Festangebot am Reformationstag Besucherrekorde

„Luther, Luther, Luther. Liebe Gemeinde, können Sie es eigentlich noch hören?“ mit dieser provokanten Frage zog Pfarrer Simon Meister am Abend des Reformationstages bei seiner Andacht in der Evangelischen Mauritiuskirche in Essenheim die gespannte Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf sich.

Im Verlauf der Veranstaltung, die unter dem Motto „Wort-Folgen“ stand, sollte der Theologe ausführen, was von der Luther-Jahr bleiben wird: das Wort. „Luther hat es“, so Pfarrer Meister, „nur wieder entdeckt und zum Leuchten gebracht. Das ist es, was bleibt, das Wort Gottes“. Der beredteste Zeugnis dafür, dass die Evangelische Gemeinde Essenheim des Themas „Reformation“ auch nach den nun zahlreichen Gedenkveranstaltungen nicht überdrüssig ist, war jedoch die bis auf den letzten Platz vollbesetzte Kirche.

Und so war es wohl an diesem Tag in den meisten Gemeinden des Evangelischen Dekanates Ingelheim. Schon am frühen Morgen dieses Reformationstages fanden um 8.00 Uhr mehr als 100 Gemeindeglieder den Weg in das hübsche kleine Gotteshaus der Evangelischen Kirchengemeinde Stadecken. Hier nahm Pfarrerin Anita Nowak-Neubert den außergewöhnlichen Feiertag zum Anlass, in diesem Frühgottesdienst zu fragen: „Liebe Gemeinde, wo stehen wir jetzt eigentlich – als Kirche, als Gemeinde, als Mensch? Wo stehen wir am 31.10.2017 – 500 Jahre nach dem Beginn der Reformation? Stehen wir an der Schwelle, an der das Zeitalter des Christentum vorbei ist?“.

Ganz klar bekannte sie: „Ich bin froh evangelisch zu sein und will das nie verlieren, dass wir öffentliche Gottesdienste feiern, dass unsere Glocken dazu einladen, dass wir in einem Land leben, in dem es Religionsfreiheit gibt“. Und sie schlug vor, dass man den berühmten Ausspruch: „Hier stehe ich und kann nicht anders“, am 31. Oktober 2017 diesen Satz machen würden: „Daran glaube ich. Und ihn aussprächen und zum Wort die Tat gäben“. In Wackernheim begann man den Morgen des Reformationstages um 8.30 Uhr mit für die Gemeinde weithin hörbarer Musik. Auf dem Platz vor der Wackernheimer Kirche erklangen, angestimmt von Trompete, Hörnern, Posaune, Drehleier, Dudelsack und Flöte, nicht nur Lutherchoräle und Renaissancemusik, sondern auch ein dreimaliges Festgeläut.

Im Anschluss fuhren viele Gemeindeglieder Wackernheims zum Reformationsgottesdienst der Ingelheimer Gemeinden in die Burgkirche in Ober-Ingelheim. Hier waren bereits eine Dreiviertelstunde vor Gottesdienstbeginn die Menschen in die Kirche geströmt. Selbst als die Seitenflügel des großzügigen Gotteshauses zusätzlich mit Stühlen versehen waren, mussten viele Gottesdienstbesucher noch stehen. Mehr als 500 Menschen wollten die Festpredigt von Landrätin Dorothea Schäfer hören, in deren Mittelpunkt die Begriffe „selig“ und „heilig“ standen. Zwar habe sich die Gesellschaft seit dem Beginn der Reformation rasant verändert, so die Landrätin, doch sei der Einzelne, angesichts der heutigen hohen Anforderungen, die an ihn im privaten wie öffentlichen Leben gestellt werden, manchmal ganz weit weg von dem Gefühl, sich heilig oder auch gar selig zu fühlen. Dorothea Schäfer zeigte sich gerade deshalb davon überzeugt, „dass es sich lohnt, Gott immer wieder neu zu entdecken, für Überzeugungen einzutreten, Verantwortung zu übernehmen und gerecht zu sein. Dem würde auch Luther zustimmen“. Um 12.00 Uhr stand dann das nächste Reformationstags-Highlight des Dekanates auf dem Programm: der Dekanats-Reformationsgottesdienst in der Gensinger Martinskirche. Und natürlich war auch dieses Gotteshaus mit mehreren hundert Besuchern wieder bis auf den letzten Platz besetzt. Die Predigt wurde gleich von zwei Pfarrern im Dialog bestritten. Markus Weickardt, Pfarrer von Gensingen-Grolsheim, wandte sich von der Kanzel der Kirche an den extra für das Reformationsfest in Gensingen Rede und Antwort stehenden Martin Luther, alias Olliver Zobel, Pfarrer der Binger Johanneskirche, um ihn zu fragen, „was die Kirche von heute tun könnte, um mehr Gehör zu finden“. Fazit dieses Austauschs war: „In glaubensschwachen Zeiten auf Gottes Wort hören und mutig danach leben. Das war die Sache Luthers und ist auch die unsere heute. Das bleibt bestehen seit Anbeginn des Christentums, noch mal ganz besonders“. Während man noch in Gensingen den Worten Luthers lauschte, machten sich rund 50 Gemeindeglieder der Welz- und Selztalgemeinden in vier Kleinbussen und mehreren Privatwagen unter dem Motto „Reformation bewegt!“ begleitet von Pfarrerin Sylvia Winterberg und Pfarrer Harald Esders-Winterberg auf eine „Zeit-Reise zwischen rheinhessischen Dörfern“. Besucht wurden fünf verschiedene Kirchen der Region. In jedem der Gotteshäuser gab es nicht nur kleine Andachten, sondern auch viel Historisches und Musikalisches zu entdecken. Beim abschließenden kleinen Imbiss in der Vendersheimer Kirche zeigten sich die Teilnehmenden begeistert.

Währenddessen sorgte ein Familienfest in der Binger Christuskirchengemeinde mit einem großen mittelalterlichen Programm für beste Unterhaltung bei Klein und Groß. Musikfreunde kamen um 17.00 Uhr in der Evangelischen Johanneskirche in Bingen auf ihre Kosten. Der Binger Komponist und Musiker Gernot Blume führte, begleitet von seiner Frau Julie Spencer-Blume, seine Neuvertonungen von Luther-Texten auf. Dazu traten u.a. ein von Dekanatskantor Norbert Gubelius speziell zu diesem Anlass gegründeter Projektchor und das Vokalensemble der Basilikagemeinde St. Martin, Clara Voce, auf. Wer nun wie zu Luthers Zeiten tafeln wollte, der hatte es nicht weit. In Aspisheim wartete um 19.00 Uhr ein stimmungsvoll dekorierter Kirchenraum mit einer Luther-Tafel und einer „gar köstlichen“ Speisenfolge – allerdings nur auf diejenigen, die sich rechtzeitig Eintrittskarten gesichert hatten, denn auch diese Veranstaltung war sehr gut besucht.

Fast zeitgleich lud auch die Nieder-Olmer Kirchengemeinde „Zu Gast bei Luther“ ein mit einer Andacht mit Choralmeditation, einem Scriptorium und Spezialitäten aus „Käthes Küche“. Wer nur geistige „Nahrung“ suchte, der war wiederum in Essenheim am Abend sehr gut aufgehoben. Denn auf die inspirierende Andacht von Pfarrer Simon Meister in der Essenheimer Kirche folgte noch ein optischer Leckerbissen, eine Wort-Licht-Installation von Stefan Matlik begleitet von Orgelimprovisationen des Mainzer Domkantors Matthias Bartsch. Ein beeindruckender Abschluss eines Tages, der angesichts des großen Zulaufs, den auch die Reformationsgottesdienste in einzelnen Gemeinden, wie Bubenheim, Gau-Algesheim, Ingelheim-West oder Jugenheim, verzeichnen konnten, optimistisch in die Zukunft blicken lässt.

Die Dekanin des Evangelischen Dekanates Ingelheim, Annette Stegmann, zeigte sich begeistert, von dem, was an diesem Tag in den Gemeinden des Dekanates geboten und wie es angenommen wurde: „Es ist nicht allein die Tatsache, dass so viele Menschen zusammen kommen, sondern wir vergewissern und stärken einander, indem wir miteinander beten, singen und feiern. Besonders berührt hat mich, dass viele katholische Christen diesen Tag mit uns begangen haben - dafür bin ich dankbar, dass dies 500 Jahre nach Luther möglich ist, gab es doch auch  ganz andere Zeiten."