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02.11.2017

500 Jahre Reformation: Es „lutherte“ an allen Orten

Im Rhein-Lahn-Kreis herrschte Hochbetrieb zur Erinnerung an Erneuerung der Kirche

RHEIN-LAHN. (1. November 2017) 500 Jahre Reformation: den ganzen Tag über waren die Menschen in den Kirchengemeinden des evangelischen Dekanats Nassauer Land unterwegs, um dem Grund des einmaligen Feiertages auf die Spur zu kommen: mit kreativen Spielen, historischen Szenen, deftigen Speisen und ganz viel Spaß und Segen für Jung bis Alt. Zwischen Diez, Lahnstein und Loreley „lutherte“ es an vielen Orten.

Im Einrich sind die ersten auf den Beinen. Nach der Morgenandacht in Kördorf füllt sich das Herolder Bürgerhaus, um von dort zu einer ebenso lehrreichen wie unterhaltsamen Luther-Rallye aufzubrechen. Sieben Stationen stehen auf dem Programm. Zum Aufwärmen schmücken Kinder Stofftaschen und Buttons mit der Lutherrose, dem Siegel des Reformators und Symbol seiner Überzeugung: „Wenn man von Herzen glaubt, wird man gerecht.“ Fotografin Linda Bretz und Ivonne Gronau statten die Besucher mit Mönchskutte, Kreuz und Bibel aus für ein Erinnerungsfoto. Dann geht's mit dem Rad, zu Fuß oder dem Auto nach Ergeshausen. Dort rührt Marion Gemmer vor der Lindenmühle in einem riesigen Suppentopf zehn Pfund Erbsen, Kartoffel, Möhren und Speck um. „Für die ersten 90 Leute wird es reichen“, meint sie.

Dass Luther kein Kostverächter war, zeigt sich auch im Eppenroder Pfarrgarten, den die fünf evangelischen Gemeinden in der Esterau in einen mittelalterlichen Markt mit allerlei handgefertigten Waren verwandelt haben. 140 Brote in drei Sorten zieht Oliver Noll aus dem Ofen, den Irma Geis und Heidrun Klaus nebst eigens fürs Fest kreierten leckeren Marmeladen und dem Apfelsaft der Konfis verkaufen. Nebenan gibt's auch Gebäck und Pralinen; Kinder ziehen geduldig Bienenwachskerzen oder filzen. Postkarten zeigen die Lutherfigur in verschiedenen Posen in allen Kirchen der Esterau – eine bleibende Erinnerung ans Jubiläumsjahr.

Zehn Erlebnisstationen empfangen Groß und Klein im katholischen Gemeindehaus der Herz-Jesu-Kirche in Diez. Der Familientag beendet das Diezer Jahresprogramm. „Ich glaube, dass auch Kinder in der Lage sind, zu verstehen, was Reformation bedeutet, denn sie haben bereits ein Gerechtigkeitsempfinden“, sagt Gunther Werner. Deshalb hat der Pädagoge nicht nur eine Ausstellung für Erwachsene von Herborn nach Diez mitgebracht, sondern auch eine Hörstation für Kinder mit einem großen Turm. „Das ist ein verbindendes Element, schließlich gelangte Luther in seinem Turmzimmer zur Erkenntnis, dass allein der Glaube vor Gott gerecht macht“, so Werner.

Hoch hinaus dem Himmel näher geht es in Braubach. Heinrich Vickus führt in den Glockenturm der Markuskirche. „Ich bin total neugierig“, sagt Yvonne Akkermans, die die Familie mitgebracht hat, „wann hat man dazu schon mal Gelegenheit, das zu sehen“. Das Kirchenschiff kann den ganzen Tag über mit allen Sinnen wahrgenommen werden. Nach dem Motto „Ich hab von Kirche die Nase voll“ kriecht da nicht nur bewusst Blumen- und Kerzenduft in die Nase; der ganze zur Feier des Tages mit zahlreichen Exponaten und Gedanken geschmückte Raum darf und soll neu entdeckt werden. „Die Leute sollen sich einmal anders als gewohnt bewegen, mal auf die Kanzel gehen, hüpfen, sich in die Bank legen, essen und trinken und neu sehen und hören, nach außen und in sich hinein“, erklärt Pfarrer Markus Bomhard seine pädagogischen Führungen. So bunt das Gotteshaus, so abwechslungsreich zeigen sich Kreativwerkstatt und Abschlussgottesdienst mit Theaterspiel.

Und was wäre Reformation ohne Musik? In Lahnstein wirken gleich vier Chöre mit und liefern eine sehr dynamische Mischung von alter Choralmusik und neuen Klängen aus dem Luther-Oratorium „Gaff nicht in den Himmel. Luther-Jazz bringt während der Einrich-Rallye in der Dörsdorfer Kirche in Schwung. Pünktlich um 15.17 Uhr erklingt vor der Johanniskirche in Nassau Luthers bekanntester Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“. Der evangelische Posaunenchor will dazu beitragen, dass von den rund 6000 Chören deutschlandweit mindestens 1517 Ensembles es zeitgleich ebenso tun.

In Becheln steht am Abend ebenfalls Musik im Mittelpunkt. Rund 300 Besucher zieht es zum Lutherspektakel auf den Dorfplatz. Ein Posaunenchor mit Bläsern aus Schweighausen und Dausenau leitet es ein, bevor historisch gewandete Mägde den Thesenanschlag von Luther alias Ortschef Patrick Becker verfolgen. Dann locken Herold und Trommler in die stimmungsvoll nur von Kerzenschein erleuchtete Kirche, in die längst nicht alle neugierigen Besucher passen. Das aus der Feder von Dekanin Renate Weigel stammende Schauspiel ist eine Liebeserklärung an Luther in Liedern. Nicht nur „sola scriptura“, also allein das Wort, „sondern auch sola musica“, animiert Pfarrerin Silke Funk immer wieder zum Mitsingen. Anschließend wartet draußen neben dem Bänkel-Duo von Thomsens fahrendem Volk ein riesiges Büfett, das Alice Kohl mit ihrem Team auftischt. Nicht das einzige an diesem Reformationsabend. An vielen Orten im Rhein-Lahn-Kreis lodern Feuerkörbe und Geselligkeit noch lange und beschließen diesen einmaligen arbeitsfreien Feiertag.

Ökumene hat Neugier und Feuer geweckt

„So etwas erleben wir ja nicht noch einmal“, sagt Gabriele Spitz aus Bremberg. Mit ihrem Mann Werner ist sie bei der Luther-Rallye vom Morgen bis zum Abend dabei. „Solch ein Tag macht mich unglaublich neugierig.“ Die Konfession ist Spitz weniger wichtig, sagt die katholisch getaufte Christin, die später evangelisch wurde und in der Ökumene „Feuer fing“. „Deshalb freue ich mich auch jetzt schon wieder auf die Woche der Einheit Anfang nächsten Jahres.“

In zahlreichen Gottesdiensten wurde 500 Jahre nach dem Beginn der Kirchenspaltung das Verbindende der beiden Konfessionen betont. So erinnerte Pater Hugon Superson aus Kamp-Bornhofen in einem ökumenischen Festgottesdienst in Miehlen daran, dass sich sein eigener Franziskaner-Orden geteilt sei. „Es gibt eine Einheit im Glauben in der Vielfalt der Gemeinschaft“, sagte er in seiner Predigt. Entscheidend sei, was Matthäus in der Bibel ausdrücke: dass das Evangelium, das in der Finsternis hilft, am hellen Tag und von allen Dächern verkündet werde.

Zu den Bildern: Start frei: Auch die Jugend war auf ihren Fahrrädern an der Luther-Rallye durch den Einrich stark vertreten. Mehr Besucher als die Kirche fassen konnte, bevölkerten zum Lutherspektakel den Dorfplatz in Becheln. Filzen, kreativ sein und die Kirche ganz neu entdecken – dazu bot der Reformationstag in Braubach unter dem Motto „Alles Luther“ Gelegenheit.