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02.11.2017

Reformationstag in Worms

Worte des brüderlichen Miteinanders von Dompropst Schäfer und Dekan Storch

Die Kantate BWV 80 „Ein feste Burg ist unser Gott“ gehört zu den anspruchsvollsten Bearbeitungen des Lutherchorals und stellte das Herzstück des diesjährigen Reformationsgottesdienstes in der Wormser Dreifaltigkeitskirche dar. Die vier Strophen wurden in ganz unterschiedlicher Weise – vom kunstvoll fugierten Eingangschor bis zum schlichten Choralsatz vorgestellt, wobei sich Dekanatskantorin Ellen Drolshagen für die klangprächtige Version mit 3 Trompeten entschied, die von Bachs Sohn Friedemann nach dem Tod des Vaters herausgegeben wurde. Der Wormser Bachchor, Nelly Palmer (Sopran) und Thomas Herberich (Baß) sorgten, vom Heidelberger Kantatenorchester begleitet, für die stimmungsvolle und professionelle Umsetzung der Kantate. 

Stimmungsvoll wurde auch der Gottesdienst von Pfarrer Volker Johannes Fey, Dekan Harald Storch und dem katholischen Dompropst Tobias Schäfer gestaltet, deren Worte sich mit Halloween und der ökumenischen Sicht auf das Reformationsjubiläum beschäftigten. Vor allem Pfarrer Fey zeigte sich von der Resonanz der Veranstaltung überwältig. Waren bereits bei der Mittagsliturgie über 120 Personen anwesend, konnte es am Abend für die Nachzügler schwierig werden, in der Dreifaltigkeitskirche unter den 1000 Sitzplätzen einen freien zu finden.

„Ich glaube, die Gemeinde hat sehr stark gemerkt, wie sehr Dompropst Schäfer mit seinem Herzen beim Thema Reformation ist“ kommentierte Dekan Storch die Predigt Schäfers. „Die Worte des katholischen Kollegen waren sehr bedacht, intensiv und eindringlich, auf jeden Fall war dieser Abend mehr als eine Pflichtübung“ so der evangelische Dekan über Tobias Schäfer, der sich bereits am Vormittag in der Evangelischen Lutherkirche im Festgottesdienst mit Pfarrer Fritz Delp aktiv beteiligte. „Ich finde es einfach beeindruckend, am heutigen 500 jährigen Jubiläum hier in der evangelischen Kirche predigen zu dürfen, das ist schon ein ganz besonderes Zeichen der Verbundenheit“ erklärt der katholische Dompropst, der in seinen Worten in beiden Gottesdiensten sehr kritisch mit dem Ablasshandel und dem Fehlverhalten der katholischen Kirche umging.

Die Angst vor dem jüngsten Gericht brachte zu damaligen Zeiten viele Menschen dazu, durch den Besuch von Messen und den Erwerb von Ablassbriefen „Pluspunkte“ für sich selbst und die engsten Verwandten zu sammeln. Auch Luther litt unter solchen Seelenqualen, vor allen aus Angst, immer hinter den Erwartungen Gottes zurückzubleiben. Erst die Beschäftigung mit dem Römerbrief, in dem von der Gerechtigkeit allein durch den Glauben gesprochen wird, habe ihm die Erkenntnis beschert, dass der Himmel für jeden Menschen ab der Geburt offen ist, als Geschenk Gottes und nicht als Ergebnis einer monetären Investition. Die bedingungslose und uneingeschränkte Liebe Gottes - ein für Tobias Schäfer sehr wichtiger Transferpunkt in die heutige Zeit, in der sehr oft Menschen nach ihrer Leistung und ihrem Aussehen beurteilt werden. 

Um die Frage nach der Gerechtigkeit und dem gnädigen Gott ging es auch am Vormittag in der Jesus-Christus Kirche Pfiffligheim bei Pfarrer Klaus Fischer, in der Dekan Harald Storch anlässlich des Reformationsjubiläums die Predigt hielt. „Obwohl man sicherlich sagen kann, dass gnadenlose Menschen die Welt heute genauso zerstören wie der gnadenlose Gott des Mittelalters“, appellierte der Dekan an eine einladende und menschfreundliche Gesellschaft und Kirche. „Gott meint es gut mit allen Menschen und wer sein Leben aus diesem Grundvertrauen gestalte, der werde auch genauso vertrauensvoll und freundlich mit seinen Mitmenschen umgehen.“