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27.09.2017

"Es ist nicht immer einfach zu arbeiten, wenn alle anderen frei haben"

Interview mit den Vikaren Thomas Reitz und Vanessa Bührmann

Im Evangelischen Dekanat Worms-Wonnegau gibt es derzeit zwei Vikare, deren Wege zur Theologie nicht unterschiedlicher hätten sein können. Wir haben uns mit Vanessa Bührmann, Vikarin der Evangelischen Kirchengemeinde Worms-Pfeddersheim und Thomas Reitz, Vikar in der Wormser Magnusgemeinde über ihre Motivation für diesen Beruf, ihre Herausforderungen im Arbeitsalltag und ihre Wünsche an die Gemeinde unterhalten. Das Interview führte Tobias Albers-Heinemann (tah)

 

tah: Wie sind Sie zur Theologie gekommen?

Thomas Reitz: Ich bin zwar kein Pfarrerskind, aber trotzdem innerhalb der Kirche aufgewachsen: Meine Mutter ist seit 25 Jahren Sekretärin meiner Heimatgemeinde. Dadurch gingen bei uns im Haus Pfarrerinnen und Pfarrer, Kirchenvorsteherinnen und -vorsteher ein und aus. Durch die Scheidung meiner Eltern habe ich Kirche dann als solidarische Familie erfahren, die nicht nur schöne Worte, sondern praktische Hilfe in Notsituationen anzubieten hat. In dieser Zeit habe ich auch die Kraft des christlichen Glaubens erfahren, wie sie etwa in meinem Konfirmationsspruch zum Ausdruck kommt: "'Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meiner Friedens soll nicht hinfallen', spricht der HERR, dein Erbarmer." (Jes 54,10)

Vanessa Bührmann: Ich habe ursprünglich eine Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht. Ganz zufrieden war ich mit dieser Berufswahl jedoch nie. Ein Freund von mir studierte damals Theologie. Wir haben uns häufig über Gott und das Studium unterhalten, uns über den Glauben ausgetauscht und es hat mich sehr neugierig gemacht. Nachdem ich mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg erlangt hatte, habe ich dann begonnen, in Mainz Theologie zu studieren. Ich war begeistert von der Vielzahl der Handlungsfelder, der Komplexität der Arbeit, den fremden Sprachen und habe großen Gefallen daran gefunden, mich in Bibeltexte zu vertiefen und mich mit den großen theologischen Denkern auseinander zu setzen.

tah: Was ist denn eigentlich ein Vikar?

Thomas Reitz: Ein Vikar ist das kirchliche Pendant zum Referendar im pädagogischen oder juristischen Bereich; ich bin als Vikar sozusagen "Pfarrer in Ausbildung". Das Vikariat dauert 22 Monate und ergänzt die wissenschaftliche Ausbildung an der Universität, die mit dem 1. Theologischen Examen durch die praktische Ausbildung in einer Gemeinde endet. Mit dem 2. Theologischen Examen bin ich dann fertig ausgebildeter Pfarrer.

tah: Was sind die Besonderheiten im Vikariat?

Vanessa Bührmann: Ich mag die Abwechslung zwischen der Arbeit in der Gemeinde und der Reflexion im Seminar. Die Dinge, die ich tue, theoretisch zu hinterfragen und im Austausch mit meinen Kolleginnen und Kollegen sich gegenseitig zu unterstützen. In der Gemeinde freue ich mich, in alles hineinschnuppern zu können und meine eigenen Fähigkeiten – und auch Grenzen – zu entdecken. Schauen, wie unterschiedlich Glaube und Gemeinde gelebt wird... und das in jedem Alter

Thomas Reitz: Da wäre zum einen die enorme Abwechslung im Arbeitsalltag: Von der Bundestagsabgeordneten bis zum Wohnungslosen habe ich jeden Tag mit Menschen jeden Alters und aus allen sozialen Schichten zu tun, die in den unterschiedlichsten Situationen mit verschiedensten Anliegen an Kirche herantreten. Das macht jeden Tag spannend und einzigartig. Auch, dass ich jetzt eine öffentliche Person bin, ist für mich eine ungewohnte und besondere Erfahrung.

tah: Welche Herausforderungen gibt es im Arbeitsalltag?

Thomas Reitz: Nicht nur bin ich in meinem Beruf mit Leben in seiner vollen Breite - von der Geburt bis zum Tod - konfrontiert, mein Leben ist seit Beginn des Vikariats auch einfach ziemlich voll, die Arbeitsbelastung sehr hoch. Ich gebe zu, dass es nicht einfach ist, immer zu arbeiten, wenn die meisten Menschen frei haben: an Sonntagen, an Weihnachten, an Ostern ... das macht es natürlich schwer, neue soziale Kontakte aufzubauen oder alte zu pflegen.

Hinzu kommt, dass es im Grund keine festen Arbeitszeiten für Pfarrerinnen und Pfarrer gibt. Das macht das Arbeiten einerseits sehr flexibel und komfortabel, führt aber andererseits zu der Gefahr, sich aufzureiben und zu verausgaben. Hier habe ich für mich Sport und Musik als unverzichtbaren Ausgleich entdeckt: Ich setze mich während meiner Arbeit immer wieder an mein Klavier und spiele ein paar Takte oder nehme mir mehrmals die Woche die Zeit, ins Fitnessstudio zu gehen, um meinen Kopf frei zu bekommen.   

Vanessa Bührmann: Ich stelle fest, dass ich für die, die mich als Vikarin kennen, auch Vikarin bleibe. Ob ich privat einkaufen gehe oder im Freibad schwimme – in meiner Gemeinde ist es die Vikarin, die sie treffen – und das zu jeder Uhrzeit. Die Tatsache, dass man eigentlich immer in seiner beruflichen Funktion in der Gemeinde präsent ist und im Prinzip keinen Feierabend hat, ist nun mal mit dem Pfarrdienst verbunden. Ich denke, wenn einem diese Rolle bewusst ist, kann man damit auch gut umgehen. Wenn ich nur Vanessa Bührmann sein will, dann fahre ich eben woanders hin.

tah: Welche Erwartungen oder Wünsche haben Sie an Ihre Gemeinde?

Thomas Reitz: Die Struktur des Vikariats verlangt viel und gute Kommunikation mit den Menschen der Gemeinde: Ich bin zwar seit 1. Februar 2017 Vikar in der Magnusgemeinde, aber bis zum Ende des Schuljahres 2016/17 hauptsächlich im Schuldienst aktiv. Ich kann mir vorstellen, dass das manchem Gemeindeglied gar nicht so leicht zu vermitteln ist, wenn der Vikar seit ein paar Monaten im Dienst ist, sich aber bisher kaum hat blicken lassen. Deshalb wünsche ich mir von meiner Gemeinde Verständnis dafür, dass ich während des Vikariats und gerade in seinen ersten Monaten nicht überall so präsent sein kann wie ich es gerne wäre.

Vanessa Bührmann: Mein Wunsch ist, dass die Gemeinde offen ist für ein neues Gesicht, eine neue Sprache und neue Ideen.  Außerdem liegt mir sehr viel an Rückmeldungen, da ich nur daraus lernen und mich weiterentwickeln kann. Ich möchte wissen, was die Menschen in meiner Gemeinde beschäftigt, was sie über Gott und die Welt denken. Und auch, warum ihnen Kirche wichtig ist – oder auch nicht.