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13.06.2017

Unrühmlich: Luthers Haltung gegenüber den Juden

EKHN-Präses Oelschläger erläuterte Ursachen und Folgen in der Johanneskirchengemeinde

Die hasserfüllte Haltung, die der evangelische Reformator Martin Luther, insbesondere zum Ende seines Lebens, in den 1540er Jahren, gegenüber den Juden an den Tag legte, hat durchaus das Potential, einen Schatten auf das derzeit von der Evangelischen Kirche gefeierte große Reformationsjubiläum 2017 zu werfen. Grund genug für die Evangelische Johanneskirchengemeinde Bingen, in Kooperation mit dem Arbeitskreis Jüdisches Bingen und der Binger Volkshochschule unter dem Titel „Die bleibende Erwählung der Juden und Luther“ den Gründen für die z.T. erschreckende Judenfeindlichkeit Luthers nachzugehen, aber auch darauf hinzuweisen, dass sich die Evangelische Kirche Hessen und Nassau (EKHN) mit einer Erweiterung ihres Grundartikels im Jahr 1991 von antisemitischen Tendenzen und 2014 noch einmal dezidiert von den sogenannten „Judenschriften“ Martin Luthers distanziert hat.

Als Referenten hatte man in das Gemeindehaus der Johanneskirchengemeinde Dr. Ulrich Oelschläger, den Präses der Synode der EKHN, eingeladen. Einen Experten für dieses Thema, der nicht nur im Fach Judaistik promoviert hat, sondern „dessen Herz auch“, so formulierte es der Pfarrer der Johanneskirche, Olliver Zobel, „als Historiker und Pädagoge für die Aufarbeitung des Verhältnisses zwischen Juden- und Christentum schlägt“. Kein Wunder, dass das Gemeindehaus bis auf den letzten Platz besetzt waren. Gekommen waren viele Mitglieder der Binger Kirchengemeinde, des Arbeitskreises Jüdisches Bingen, aber auch Alt-Bürgermeistern Brigitte Giesbert, der Binger Ehrenbürger Klemens Hahn sowie die CDU-Landratskandidatin und Landtagsabgeordnete Dorothea Schäfer.

Gleich zu Beginn seines Vortrages stellte der EKHN-Präses klar, dass es ihm bei seinen Ausführungen zum historischen Kontext, in dem der Reformator mit seiner judenfeindlichen Haltung stand, nicht darum gehe, diese zu rechtfertigen, denn manche Forderungen Luthers, wie das Abbrennen jüdischer Synagogen, wären weit über diejenigen seiner Zeitgenossen hinausgegangen. Vielmehr gehe es darum, zu verstehen, wie Luther zu dieser Haltung kam. Interessant war Oelschlägers Erläuterung, dass Luther noch mit seinen frühen Schriften in den 1520er Jahren durchaus eine freundliche Hinwendung zu den Juden propagiert hatte. „Jedoch“, so Oelschläger, „war z.B. seine Schrift von 1523 „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“, weniger von Toleranz, als vielmehr von Missionswillen geprägt“. Denn, so erklärte der EKHN-Präses, „zu diesem Zeitpunkt hoffte Martin Luther noch, dass seine deutschsprachige, leicht eingängige Bibelübersetzung, den Juden die Augen gegenüber dem Christentum öffnen und geradezu eine Welle der Konversionen von Juden zum Christentum auslösen würde“.

Zwanzig Jahre später war Luther nicht nur krank und infolge schwerer familiärer Schicksalsschläge verbittert, er sah „seine“ Reformation von Außen durch kirchliche und politische Entwicklungen gefährdet. Nun begann der Reformator in seinen Flugschriften, u.a. mit dem Titel „Von den Juden und ihren Lügen“, das Judentum zu diffamieren, ja die Fürsten dazu aufzufordern, nicht nur die Synagogen niederzubrennen, sondern auch die Häuser der Juden zu zerstören und ihnen ihr Bargeld und ihren Schmuck abzunehmen. Spannend war von Oelschläger zu erfahren, dass Luther selbst Zeit seines Lebens kaum mit Juden in Kontakt gekommen ist, und dass einige zeitgenössische Reformatoren sich von den Hetzschriften des Reformators distanzierten.

Die Wirkung von Luthers antisemitischen Schriften war dementsprechend zu seiner Zeit, aber auch bis ins 19. Jahrhundert gering. „Lange“, so Dr. Ulrich Oelschläger, „spielten diese Schriften keine Rolle. Erst nach dem Ersten Weltkrieg machten deutschnationale Kreise Luthers Schmähschriften weithin bekannt“. Bis schließlich die Nationalsozialisten die Pamphlete des Reformators als Begründung für ihre Judenverfolgung missbrauchten - der Schreckliche Höhepunkt der über Jahrtausende immer wieder aufflackernden Verfolgung der Juden. Aus diesem Grund können und dürfen Luthers sogenannten „Judenschriften in Theologie und Kirche keine Rolle mehr spielen. Die Ausführungen des EKHN-Präses machten klar, dass sowohl mit der Distanzierung der Elften Kirchensynode der EKHN von den sog. Judenschriften Luthers im Jahr 2014 als auch mit der bereits 1991 erfolgten Anerkennung der „bleibenden Erwählung der Juden“ durch die EKHN, ein guter Weg zu einem künftigen toleranteren Miteinander von Protestantismus und Judentum eingeschlagen worden ist.