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26.05.2017

Scharfsinniger Theologe und Gestalter verstorben

Pfarrer Ulrich Weisgerber verstirbt nach 36-jähriger Dienstzeit in Wallertheim am 14. Mai im Alter von 63 Jahren.

Als Prediger auf der Kanzel, als Ausbilder vor der Kanzel, als Zuhörer oder manchmal Organist unter der Kanzel - so haben viele Menschen Ulrich Weisgerber erlebt. 36 Jahre lang hat er als Gemeindepfarrer das gottesdienstliche Leben rund um die Kanzeln der Gemeinden Wallertheim, Gau-Weinheim, Gau-Bickelheim, aber auch im Evangelischen Dekanat Wöllstein geprägt. Viele Menschen hat er mit seiner Liebe zum Gottesdienst und seiner theologischen Kompetenz inspiriert. Nach schwerer Krankheit ist er am 14. Mai 2017 im Alter von 63 Jahren verstorben. In einem Trauergottesdienst, der von Dekanin Monika Reubold geleitet wurde, nahmen Familie, Freunde, Gemeinden und Wegbegleiter Abschied.

Das evangelische Leben vor Ort, aber auch die Landeskirche und ihre Zukunft lagen Pfarrer Ulrich Weisgerber sein Leben lang am Herzen. Dreizehn Jahre gehörte er dem Vorstand der Dekanatssynode Wöllstein an. Insgesamt zwanzig Jahre war er Synodaler in der Kirchensynode der EKHN und gestaltete die Geschicke der Landeskirche mit. Er war „ein scharfsinniger theologischer Beobachter und Gestalter“, auf dessen wohlüberlegtes Urteil man sich verlassen konnte, würdigte ihn Herbert Emrich, der Präses der Dekanatssynode.

Als Mitglied des Theologischen Ausschusses, dessen Vorsitzender Ulrich Weisgerber in seiner letzten Amtsperiode von 2010-2016 war, hatte er, so schrieb er einmal, nach seinem Empfinden seinen „Platz gefunden“. Anfang Mai fand die aktuelle Tagung der Kirchensynode statt. In einem Gespräch darüber mit Dr. Ulrich Oelschläger, Präses der Kirchensynode, wünschte sich Pfarrer Weisgerber noch ausdrücklich die Wortprotokolle der Tagung zum Lesen. „Daran wird klar, wie wenig die Zukunft der Kirche für ihn mit seinem Ausscheiden aus der Synode abgeschlossen war“, sagt Dr. Oelschläger. Er würdigte im Trauergottesdienst auch Pfarrer Weisgerbers Arbeit im Theologischen Ausschuss. Dieser war federführend bei der Beratung der Lebensordnung, des Kirchenmusikgesetzes und des Gesetzes über den Prädikanten- und Lektorendienst.

Auf der Kanzel hat Ulrich Weisgerber Spuren hinterlassen. An so manche gottesdienstliche Innovationen wird man sich lange erinnern: Gottesdienste für Einsteiger, liturgische Nächte, Abendgottesdienste mit theologischem oder kirchenmusikalischem Schwerpunkt. Auch während seiner Krankheits- und Therapiephasen im vergangenen Jahr ließ es sich Pfarrer Weisgerber nicht nehmen, Gottesdienste zu feiern und nach Möglichkeit selbst zu leiten. Für das „Reformationsgedenkjahr“ (Formulierung U. Weisgerber) hatte er mit seinen Gemeinden eine Predigtreihe geplant, in deren Rahmen er selbst das letzte Mal fünf Wochen vor seinem Tod auf der Kanzel stand. Er sprach dabei über den Auftrag zum „Priestertum aller Glaubenden“ - ein Thema, das ihn auch in seiner Rolle als Ausbilder der Lektoren und Prädikanten im Dekanat jahrzehntelang begleitet hat. Viele Jahrgänge an Lektoren und Prädikanten haben von seiner Liebe zur Liturgie und Kirchenmusik profitiert. „Ich habe ihn in der Ausbildung sehr schätzen gelernt und viel von ihm mitbekommen,“ erinnert sich einer der Prädikanten. Seinen letzten Lektorenkurs begleitete Ulrich Weisgerber bis zum Abschluss im Jahr 2016.

Als gerade mal 25-jähriger Vikar kam der in Bad Homburg geborene und aufgewachsene Städter nach Rheinhessen aufs Land. In Monsheim absolvierte er seine praktische Ausbildungsphase und entdeckte dort seine Liebe zum Land, die bis zu seinem Lebensende angehalten hat. Konsequent erklärte er sich dann auch bereit, nach Abschluss der Ausbildung eine Pfarrstelle in Rheinhessen anzutreten. So kam er 1981 mit 27 Jahren nach Wallertheim, wo ihn Land und Leute, aber auch eine „interessante Orgel“ faszinierten.
Viele neue, manchmal „exotische“ Ideen, wie er selbst meinte, brachte der junge Pfarrer mit. Unter anderem auch die Idee zum Eine-Welt-Laden, den er in den Jahren 1983/84 mit Unterstützung des Dekanats und des damaligen gemeindeeigenen Evangelischen Frauenkreises gegründet hat. Aus dieser Idee ist ein beachtlicher kleiner Laden gewachsen, der inzwischen u.a. fair gehandelten Kaffee, ausgesuchte Lebensmittel und Geschenkartikel anbietet und ein Einzugsgebiet weit über Wallertheim hinaus hat. Erst 2015 hat der Eine-Welt-Laden sein über 30-jähriges Bestehen gefeiert.
Bis zuletzt setzte sich Ulrich Weisgerber noch für das Dorf-Projekt am Friedhof ein, den 2016 eröffneten „Garten der Erinnerung“. Auf dem kommunalen Friedhof sind einzelne Bereiche so gestaltet worden, das sie an unterschiedliche Lebensphasen wie Kindheit, Jugend, Familie, aber auch Trauer und Tod erinnern können. Vielleicht lag ihm dieser Garten so am Herzen, weil er als Seelsorger neben der Kirchenmusik „auch ganz besonders die Stille liebte“, wie Karla Martin, die Wallertheimer Ortsbürgermeisterin es in Worte fasste. Gerade mal zwölf Tage vor seinem Tod zeigte Ulrich Weisgerber Kolleginnen und Kollegen noch einmal diesen besonderen Ort.

Viele Spuren hat Ulrich Weisgerber hinterlassen, bei den Menschen, in den Gemeinden, im Dekanat, in der Kirche. An seiner Zuversicht hat er bis zuletzt festgehalten und sich gerade in der Zeit seit der Diagnose von einem Vers aus dem Römerbrief besonders tragen lassen. Da heißt es: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,38-39)
Für seinen Trauergottesdienst hatte er entsprechend Texte und Lieder ausgesucht, die von Dekanin Monika Reubold als Liturgin, der Wörrstädter Kantorei und dem Wallertheimer Kirchenchor umgesetzt wurden.

Bilder: Ulrich Weisgerber mit Teilnehmenden an seinem letzten Lektorenkurses 2016
Text und Bilder: Margarete Geißler