EKHN.TV


Videos und Audio-Slideshows mit spannenden Geschichten aus Hessen und Nassau. Hier geht's zu EKHN.TV

20.12.2017

Gertrud Voelckel ist im Alter von 91 Jahren verstorben

Pfarrerin mit offenem Ohr und offenem Haus

Im Alter von 91 Jahren ist am 15.12.2017 Pfarrerin Gertrud Voelckel verstorben. Bekannt war die gebürtige Alzeyerin vor allem durch ihren unermüdlichen Einsatz für die Kinderkrebssation des Krankenhauses in Gomel in Weißrussland, ihrer Liebe zur Kirchenmusik und der Begeisterung für den Gottesdienst.

Eigentlich wollte Getrud Voelckel nach ihrem Abitur 1945 in Freiburg Germanistik studieren, fand dort aber keinen Platz und entschied sich dann für die Ausbildung zur Volksschullehrerin. Sie besuchte das Lehrerseminar in Mainz und wurde mit 21 Jahren Internatsleiterin im Alzeyer Pädagogium, wo sie im Schloß wohnte und Mädchen betreute, zu denen sie bis zum Schluss noch Kontakte pflegte. "In den ersten Jahren", so erinnerte sie sich einst an das Vorgängermodell des Aufbaugymnasiums, "bereitete die Einrichtung ihre Absolventen auf die Aufnahmeprüfung, der pädagogischen Hochschule vor. Erst später konnte man hier ein volles Abitur machen." Nach 20 Jahren Dienst als Schulleiterin und Ausbilderin wurde Gertrud Voelckel die Tätigkeit „ein bisschen zu langweilig“ und sie entschied sich im Alter von 40 Jahren für eine berufliche Neuorientierung im Bereich Geschichte und Theologie. Nach einem erfolgreich abgelegten Examen absolvierte sie ein Praktikum in Rüsselsheim und wurde 1972 als eine der ersten Frauen in den Pfarrdienst ordiniert. Ihrer Dienstzeit in Wallertheim folgte eine Tätigkeit in der Krankenhausseelsorge in Bad Schwalbach und letztendlich eine Pfarrstelle in Undenheim/Friesenheim bis zu ihrer Pensionierung.

Wer sich an Gertrud Voelckel erinnert, sieht im geistigen Auge ein engagierte und überaus motivierte Persönlichkeit, die sich nie mit einem Status Quo zufrieden gegeben hat. Als Zeitzeugin des Judenpogroms in Alzey zur Zeit des zweiten Weltkrieges erlebte sie hautnah die Plünderungen von Wohnungen jüdischer Nachbarn. Ein Erlebnis, welches sie Zeit ihres Lebens begleitete und prägte, vor allem in ihrer seelsorgerischen Arbeit, in der Getrud Voelckel sich stets um Aussöhnung mit der Vergangenheit bemühte.

Wer sich an Gertrud Voelckel erinnert, sieht eine Frau mit einer innigen Liebe zur Kirchenmusik und zur Wortverkündigung, gründete sie unter anderem den bis heute bestehenden Kirchenchor BeBi und übernahm bis ins hohe Alter hinein Gottesdienstvertretungen im Dekanat Oppenheim. Sie war mit ganzem Herzen Pfarrerin mit einem offenen Ohr und einem offenen Haus, auch während ihrer Zeit im Ruhestand.

Wer sich an Gertrud Voelckel erinnert, sieht eine Frau mit einem großen Herzen, die nach der Katastrophe in Tschernobyl eine Hilfsaktion für das Kinderkrankenhaus im weißrussischen Gomel organisiert, eine Partnerschaft zwischen Kirche und Ärzten.  Seit 1989 reisen Menschen aus der Kirchengemeinde Alzey jährlich nach Gomel und liefern dringend benötigte Medikamente für die Kinderhämatologiestation der Republikanischen Zentrums für Strahlenheilkunde. 

Gertrud Voelckel war eine Person, an die sich sehr viele Menschen erinnern werden, sei es als eine der letzten Zeitzeuginnen des zweiten Weltkrieges, als eine der ersten in den Pfarrdienst ordinierten Frauen, als engagierte Theologin und Seelsorgerin oder als Initiatorin der Gomel Hilfe. Die Beisetzung findet am Freitag, den 22.12.2017 um 13.45 Uhr auf dem Friedhof in Alzey statt.