EKHN.TV


Videos und Audio-Slideshows mit spannenden Geschichten aus Hessen und Nassau. Hier geht's zu EKHN.TV

15.11.2018

Luther als Reformator und Katholik sehen

Feierlicher Gottesdienst zum Reformationstag in der Katharinenkirche

Gastprediger Professor Dr. Michael Matheus

Dekan Michael Graebsch

Martin Luther sei einst beides gewesen, „Reformator und Katholik“, betonte Professor Dr. Michael Matheus, der an der Universität Mainz lehrt. Er hielt die Predigt zum zentralen Reformationsgottesdienst des Evangelischen Dekanates Oppenheim in der Oppenheimer Katharinenkirche, mit Blick auf biblische Bilder von Weinstock und Reben, auf die Vergangenheit und heutige Zeit gerichtet.

Feierlich wurde der Abendgottesdienst mit mehreren hundert Besuchern musikalisch gestaltet: Es sang der Dekanatschor unter der Leitung von Dekanatskantorin Renate Mameli, zudem spielten die Bläserinnen und Bläser aus den Posaunenchören des Dekanates unter der Leitung von Propsteikantor Ralf Bibiella und Landesposaunenwart Johannes Kunkel. Meisterhaft musizierte Dr. Katrin Bibiella an der Orgel. Luthers „Ein feste Burg“ wurde ergänzt durch Psalmgesänge oder ein Kirchenlied „Vom Weinstock und den Reben“. Neben Dekan Michael Graebsch und der stellvertretenden Dekanin Manuela Rimbach-Sator wurde die Liturgie ökumenisch mitgestaltet von Pfarrer Stephan Sunnus, dem katholischen Pfarrer Johannes Kleene, Stadtkirchenreferentin Magdalena Schäffer und Helmar Richter, Präses des Evangelischen Dekanates Oppenheim. Spontan, mit der Stimme zu meistern, galt es eine Herausforderung: die Lautsprecheranlage fiel plötzlich aus. Nicht von der Kanzel, sondern nah an den Zuhörerinnen und Zuhörern sprach daher auch Dr. Michael Matheus, der als Historiker für die Predigt gewonnen werden konnte. Er ist Professor an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität und Leiter des Arbeitsbereiches Mittlere und Neuere Geschichte und Vergleichende Landesgeschichte.

Die biblischen Bilder von Weinstock und Reben aus der Lesung bezog er auf die Weinregion Rheinhessen: „Wir kennen dies aus eigener Erfahrung: Ein Weinstock ohne Reben ist nicht lebensfähig, und Reben wachsen und tragen Früchte nur am Weinstock.“ Zudem lassen sie sich verbinden mit der Vorstellung von der Einheit der Christen in Christus und seinem Vater. Martin Luther sei kein Kostverächter gewesen, er habe Wein geschätzt und selbst ausführlich über die Metapher von Weinberg und Reben gepredigt.

Luthers Reise nach Rom habe einst nicht dazu geführt, dass er als Reformator zurückkehrte, erklärte der Historiker. „Zum scharfen, zum erbitterten Kirchenkritiker wurde er erst wenige Jahre später.“ Prozesse der Distanzierung und Diffamierung des jeweiligen Gegners hätten einst zu konfessionellen Spaltungen geführt, erklärte er. In Luthers Wahrnehmung sei die „Papstkirche“ beherrscht gewesen von „Wölfen“ und „Räubern“. Seinen Gegnern in der römischen Kirche sei „der verhasste Mönch zum Rebell, zum Erzketzer und Kirchenspalter geworden“. Heute könnten Martin Luthers Grundanliegen hingegen nach und nach auch von katholischer Seite entdeckt werden, denn er sei beides gewesen, „Reformator und Katholik“.

Luther habe sich als Theologe der katholischen Kirche verstanden, führte Michael Matheus aus, verankert in einer Tradition, die von Paulus über Augustinus und Bernhard von Clairvaux führte. Auf der Basis dieser Tradition habe er existentielle Anliegen des christlichen Glaubens gegenüber der in einflussreichen Teilen reformunwilligen römischen Kirche freigelegt. „Nicht vom polternden Grobian, nicht vom Polemiker und Judenfeind, wohl aber vom Theologen Luther können und sollten auch Katholiken eine Menge lernen“, war Botschaft der Predigt.

Verbundenheit im Glauben

Der Rebstock Jesus Christus, betonte Michael Matheus, vereine alle Christinnen und Christen, gleich welcher Konfession, zum einen Glauben: „Daran sollte man immer denken, trotz aller geschichtlich gewachsenen Unterschiede“, sagte er und würdigte vielfältige ökumenische Schritte christlicher Konfessionen aufeinander zu. Michael Matheus ermutigte dazu, aus neuen Blickwinkeln auf die Vergangenheit zu schauen, auch um Kraft für Veränderungen zu schöpfen. Zudem zeige die Bildsprache deutlich, dass Christen als Nachfolger Jesu in enger Gemeinschaft mit ihm stehen. „Weil er für uns alle der gemeinsame Bezugspunkt ist, treten die konfessionellen Unterschiede angesichts des gleichen Zieles in den Hintergrund.“ Die Rebzweige am selben Rebstock bildeten eine Gemeinschaft und könnten aufeinander zu wachsen und auch die Vielfalt sei eine Bereicherung, sagte der Referent. Das eingängige Bild könne auch für Nichtchristen als Ausdruck der Notwendigkeit gemeinschaftlichen, solidarischen Handelns stehen, ist sich der Historiker sicher. Er mahnte vor Schaden, wenn aus Verunsicherung, Angst und Hass neue Barrieren errichtet werden.

Dass tiefe Gräben flach werden und Verständnis füreinander wachse, waren auch Anliegen der Fürbitten, die ökumenisch gestaltet wurden. Gebetet wurde auch dafür, die Verbundenheit im Glauben zu stärken, über alle Grenzen hinweg, für Frieden und Verständigung. Gottes Wort solle in den Kirchen hörbar bleiben und diese den Menschen zugewandt sein, hieß es. Die Kollekte war bestimmt für die Unterstützung von Tsunami-Opfern in Indonesien, in einer Region, mit der die hiesige Landeskirche seit vielen Jahren eine Partnerschaft pflegt. Dass die besondere Tradition der zentralen Gottesdienste zum Reformationstag fortgesetzt wird, hofft Dekan Michael Graebsch, um auch nach der Fusion mit Ingelheim gemeinsam zu feiern.