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02.11.2017

Über den Geist der Reformation

Am Reformationstag strömten zahlreiche Menschen zum zentralen Festgottesdienst des Dekanates in die Katharinenkirche Oppenheim. Ausstellung „Luther im Bild“ noch bis 26. November zu sehen

Kein Platz mehr frei - Festgottesdienst in der Oppenheimer Katharinenkirche.

Festpredigt mit Propst Dr. Klaus-Volker Schütz.

Chor der Evangelisch Indonesischen Kristusgemeinde Rhein-Main.

Rundgang durch die Ausstellung im Westchor.

Der Berliner Künstler Harald Birck.

Kurator Andreas Pitz (li) und Künstler Harald Birck (re).

Bläserinnen und Bläser des Dekanatsposaunenchores.

Zum Höhepunkt des Reformationsjubiläums, am 31. Oktober 2017, erinnerten evangelische Christinnen und Christen weltweit an den Thesenanschlag Martin Luthers vor 500 Jahren. Mit einem zentralen festlichen Gottesdienst zum Thema „Nun freut euch, lieben Christeng'mein“ feierte das Evangelische Dekanat Oppenheim den Reformationstag mit Propst Dr. Klaus-Volker Schütz in der voll besetzten gotischen Katharinenkirche. Zuvor strömten zahlreiche Menschen in das Gotteshaus, um einen der freien Plätze zu ergattern. Doch selbst mit den noch schnell besorgten zusätzlichen Stühlen war für manch einen nur noch ein Stehplatz frei, der dennoch freilich gerne genutzt wurde.

Nicht nur in Oppenheim wurde das Reformationsjubiläum gefeiert: Mit einem Frühstück nach Luther-Art, einer Erlebnisausstellung „Gott neu entdecken“ im Kirchenraum, einem ökumenischen Kinderprojekt mit Druckerpresse, Buttons erstellen, spielen und basteln oder offenen Gesprächen zum Thema „Reformation und Luther“ - vor dem zentralen Festgottesdienst fanden tagsüber viele weitere Gottesdienste und Veranstaltungen in den Kirchengemeinden des Dekanates statt.

Im Beisein von Dekan Michael Graebsch und der stellvertretenden Dekanin Manuela Rimbach-Sator, von „katholischen Geschwistern“ und Gästen aus der 11 000 Kilometer entfernten evangelischen Partnergemeinde aus Minahasa in Indonesien sowie Vertretern aus Politik und Wirtschaft sprach Propst Schütz in seiner Festpredigt über den vielfältigen Geist der Reformation. Er freue sich sehr über den Facettenreichtum des Christentums, sagte Schütz. Dabei arbeite man gemeinsam mit den katholischen Schwestern und Brüdern daran, einander näher zu kommen. Große Erwartungen etwa lägen im 3. Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt am Main. Mit Freude verwies Schütz zudem auf die Vielfalt der Weltkirche.

Freude. Dies sei ein zentrales Lebensthema Martin Luthers gewesen. Kraft und Freude zeigten sich spürbar im Reformationslied „Nun freut euch, lieben Christeng'mein“ von Martin Luther, das der Dekanatschor unter der Leitung von Dekanatskantorin Renate Mameli und die Gemeinde während der Predigt anstimmten. „Du bist mir recht. So wie du bist“ - das habe Luther erfahren. So wie Zöllner und Aussätzige, Sünder und Menschen, die am Rande standen, Jesu recht waren. Luther habe erkannt, dass Gott Gnade und Liebe schenke. Und dass jeder Mensch grundsätzlich von Gott geliebt sei - ein Grund zur Freude.

Die Reformation habe viele Facetten. Heute sei es notwendig, aus den geistlichen Räumen der Kirchen heraus kontinuierlich Brücken zu bauen. Denn im Moment herrsche viel Hoffnungslosigkeit im Land, hinzu komme das Erstarken des Nationalismus und die Diskussion, ob der Islam zu Deutschland gehöre. „Das brauchen wir nicht zu diskutieren. Das ist im Grundgesetz manifestiert“, nannte der Propst die Religionsfreiheit als eine Errungenschaft der Reformation und rief zu Toleranz für andere Konfessionen und Religionen auf. So sei der Geist der Reformation ein Geist mit vielen Farben und Sprachen.

Während des Festgottesdienstes war Martin Luther in der historischen Kathedrale fast greifbar nahe. Zum einen fielen die Porträtstudien und Büsten des Reformators, geschaffen von dem Künstler Harald Birck, in den Blick. Im Hauptschiff gruppierten sich die vielen Gottesdienstbesucher eng um die Skulpturen aus Ton und Bronze, in den Seitenkapellen zeigten weitere Büsten die vielfältigen Facetten des Theologen. Zum anderen zeugten vertraute Lutherlieder von der musikalischen Vielfalt des Reformators. So intonierte zum Eingang Dr. Katrin Bibiella an der Orgel kraftvoll und ausdrucksstark „Eine feste Burg“ als Choral-Improvisation von Sigfrid Karg-Elert. Bläserinnen und Bläser des Dekanatsposaunenchores unter der Leitung von Propsteikantor Ralf Bibiella und der Chor der Evangelisch Indonesischen Kristusgemeinde Rhein-Main mit Chorleiterin Priska Balondo trugen ebenso zur festlichen musikalischen Gestaltung bei. Durch die Liturgie des Reformationsgottesdienstes führten Dekan Michael Graebsch, die stellvertretende Dekanin Manuela Rimbach-Sator, Pfarrer Thomas Schwöbel und Stadtkirchenreferentin Magdalena Schäffer.

Ausstellungseröffnung „Luther im Bild“

Im Anschluss an den Festgottesdienst eröffnete Magdalena Schäffer im Namen des Evangelischen Dekanates Oppenheim die Ausstellung „Luther im Bild“. Wer sich auf die vielschichtigen Werke des Berliner Künstlers Harald Birck einlasse, finde auch nach zahlreichen Veranstaltungen im Jubiläumsjahr noch neue Zugänge zum Reformator Martin Luther. „Zu sehen sind Bilder von einem Menschen, nicht von einem Heiligen“, lud die Referentin für Stadtkirchenarbeit zur genauen Betrachtung der rund 60 Bilder und Skulpturen im Westflügel und im Hauptkirchenschiff der Katharinenkirche ein.

Anstoß für die intensive künstlerische Auseinandersetzung mit Martin Luther war 2009 ein Auftrag an Harald Birck, eine gut zwei Meter große Bronzestatue des Reformators für ein Hotel in Wittenberg zu schaffen. Im Vorfeld dieser Arbeit sind unzählige Skizzen und Porträtstudien entstanden. All diese Annäherungen sollten ursprünglich jedoch nicht veröffentlicht werden.

Harald Birck habe keinen überhöhten Luther nach historischen Vorbildern schaffen, sondern der Lutherverehrung, wie sie im 19. Jahrhundert vorherrschte, entgegenwirken wollen, erläuterte Kurator Andreas Pitz. Die Vielschichtigkeit, die unzähligen Facetten des Menschen Martin Luther waren es, die den Künstler faszinierten. „Wir meinen nur zu gut zu wissen, wie Luther aussah“, so Pitz und erinnerte an die stets gegenwärtigen Gemälde von Lucas Cranach. Birck hingegen habe den alten Luther wieder in Bewegung versetzt. In seinen Skizzen, Aquarellen, Zeichnungen und Skulpturen mit unterschiedlichsten Materialien habe der Künstler den Reformator als kraftvollen und verletzlichen, als zweifelnden und brüchigen, als handelnden, aber auch als hadernden Menschen dargestellt. Dadurch habe der Künstler Luther letztlich vom Sockel geholt. In der Ausstellung begegne man daher dem Reformator auf Augenhöhe.

Mal schaut der Reformator in Öl und Pastellkreide mit zerfurchtem Gesicht resignierend am Betrachter vorbei, mal scheint er ihm fordernd in die Augen zu blicken. Mal schreitet eine Gestalt mit raumgreifenden Schritten durch den Schnee, mal schlurft sie tiefgeduckt durch die Weite. Luther – dort Hände haltend, da Hände ringend. Manchmal ist Luther nur aus dem Kontext heraus zu erahnen. Der Anschlag der Thesen ist in Pastellkreide und Tusche festgehalten, ebenso wie das Disputieren mit anderen. Die ganze Vielfalt von Luthers Wesen wird in den Werken lebendig.

Für die Arbeiten auf Papier, in Ton oder Bronze haben dem Künstler verschiedene ausdrucksstarke Personen Modell gestanden. „Den Betrachter spüren zu lassen, dass Luther zittert, das kann man als Künstler am besten ausdrücken, wenn man jemanden nimmt, der zittert, und ihn porträtiert“, gab Birck Einblicke in sein Schaffen. Für ihn als Pastorensohn sei der Reformator kein Fremder gewesen. „Davon habe ich profitiert, denn ich habe einen positiven Zugang zu Luther.“ Während seiner Arbeit habe er großen Respekt vor dem Reformator entwickelt. Dennoch sei Luther kein Übermensch, kein Heiliger gewesen. „Viele Bilder von Luther sind in unserem Gedächtnis festgeklemmt. Meine Arbeiten sollen den Blick auf Luther wieder öffnen“, sagte Harald Birck.

Noch immer sei er nicht fertig mit Martin Luther. Die Reise seiner Werke im Rahmen der bundesweiten Wanderausstellung reize ihn, sich stets aufs Neue mit dem Reformator zu beschäftigen. „Ich bekomme hier in Oppenheim wieder einen anderen Blick auf die Figuren“, sagte Birck. Und ergänzte: „Manche Skulpturen wirken hier in der Katharinenkirche besonders stark.“

Führung und Öffnungszeiten

Die Werke des Künstlers Harald Birck sind bis 26. November täglich von 11.30 Uhr bis 16 Uhr in der Katharinenkirche, Katharinenstraße 1, zu sehen.

Am Samstag, 11. November 2017, um 11 Uhr, führt Kurator Andreas Pitz gemeinsam mit dem Schauspieler, Kabarettist und Regisseur Michael Quast durch die Ausstellung. Der informative aber auch unterhaltsame Rundgang erlaubt neue Blicke auf den Menschen Martin Luther. Der Eintritt ist frei.

Kontakt

Evangelisches Dekanat Oppenheim, Magdalena Schäffer, Stadtkirchenarbeit, Telefon 06133 579217, im Internet unter www.katharinen-kirche.de oder per E-Mail an stadtkirche.oppenheim@ekhn-net.de.

 

Fotos: Evangelisches Dekanat Oppenheim