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30.03.2017

Mit allen Sinnen

Bronze-Tastmodell der Katharinenkirche feierlich eingeweiht

Die „kleine Schwester“ der Katharinenkirche - Das Modell zum Ertasten und Begreifen steht nun auf dem Kirchenvorplatz. Foto: Evang. Dekanat Oppenheim

Vor der Südfassade der Katharinenkirche grüßt seit Sonntag ein maßstabsgetreues Bronze-Tastmodell die Besucher der gotischen Kathedrale. Im Rahmen eines Gottesdienstes mit anschließender Feierstunde wurde die vom Künstler Felix Brörken geschaffene Großplastik am 26. März feierlich eingeweiht. Blinden und sehbehinderten Menschen ermöglicht das neue Tastmodell, die Dimensionen des bekannten Gotteshauses zu erfassen. Aber auch Sehenden eröffnet die Aufsicht auf die komplexe Dachlandschaft einen Perspektivwechsel, etwa um die von unten schwer fassbare Unterschiedlichkeit der Türme zu entdecken – ein Gewinn für alle Besucher.

In ihrer Predigt stellte Pfarrerin Manuela Rimbach-Sator den Jubelgesang des Psalms 84 „Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!“ in den Mittelpunkt. Um Gott zu ehren, hatten frühere Generationen das „alte Haus“ erbaut. Heute sorgen Andere beispielsweise für Licht, Wärme, Blumenschmuck und die Gestaltung der Gottesdienste. Wie ein gedeckter Tisch empfange die Katharinenkirche die Menschen. „Jetzt müssen wir nur noch kommen und eintreten“, um mitten im „Geschenkpaket“ Platz zu nehmen. Dazu heißt nun die kleine Tastkirche Blinde und Sehende willkommen und lädt ein, gemeinsam unter Gottes Segen zu feiern.

Vom Wachsmodell zur Tastskulptur

Am Tag vor der feierlichen Enthüllung habe Architekt Andreas Milch gemeinsam mit der Referentin für Stadtkirchenarbeit, Magdalena Schäffer, dem Künstler Felix Brörken und dessen Vater Egbert Broerken die „kleine Schwester“ der Katharinenkirche auf den von Steinmetzmeisterin Kathleen Groll geschaffenen Sandsteinsockel gehoben, berichtete Pfarrerin Manuela Rimbach-Sator. „Wir haben dafür gesungen“, habe eines der zufällig anwesenden Kinder stolz verkündet, während es mit den Fingern die Turmspitzen entdeckt und die Dächer gestreichelt habe. Denn Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums zu St. Katharinen und der Integrierten Gesamtschule Oppenheim (IGS) hatten im vergangenen November mit einem Benefiz-Adventskonzert einen wesentlichen Anteil an der Finanzierung des Projekts.

Im Rahmen des Empfangs dankte Pfarrerin Rimbach-Sator den Ideengebern und allen Menschen, die Wege der Finanzierung für das besondere Projekt aufgetan hatten. So habe Ulla Eisenhardt, Vorsitzende des Vereins der Freunde und Förderer der Katharinenkirche, mit ihrer Idee eines Tastmodells und der entsprechenden Anschubfinanzierung das Oppenheimer Vorhaben ins Rollen gebracht. Als weitere Wegbegleiter des Projekts nannte sie den Schulleiter des Gymnasiums zu St. Katharinen, Oberstudiendirektor Dr. Hendrik Förster, der als Rotarier des Rotary Club Rhein-Selz ebenso wie der Leiter der örtlichen IGS, Siegfried Käufer, erheblich zur Finanzierung beigetragen habe. Neben vielen Spendern, die die Tastkirche zu ihrer Sache gemacht hatten, hob sie im Beisein der ehemaligen Landesministerin Irene Alt und der Vertreter von Stadt und Verbandsgemeinden die „Aktion Mensch“ sowie die ING-DiBa Privatbank lobend hervor.

Im Rahmen des Benefizkonzerts im November hatte Künstler Felix Brörken bereits das Wachsmodell der Tastkirche vorgestellt. Er erläuterte, wie er jeden einzelnen Winkel der Katharinenkirche fotografiert und das Modell anhand von Plänen mit allen Details in Hartschaum geschnitzt habe. „Anders als bei den Stadtmodellen waren die Verzierungen der gotischen Kathedrale unheimlich schwer darstellbar. Ich habe sie deshalb etwas abstrahiert, so können sie auch besser ertastet werden“, erläuterte der Künstler seine Vorgehensweise. Kleine Bauteile wie die Wasserspeier mussten beispielsweise einzeln in Wachs hergestellt und angeklebt werden. Anschließend wurde die Plastik im Wachsausschmelzverfahren gegossen. Um das gesamte Gelände zu erfassen, habe er in Absprache mit dem Kirchenvorstand das gesamte Areal um die Katharinenkirche samt Michaelskapelle, Küsterhaus und Garten in das 112 Kilogramm schwere Modell im Maßstab 1:100 mit aufgenommen. Dank einer speziellen Patinierung wird die Tastskulptur vor dem Haupteingang keinen Grünspan ansetzen.

Katharinenkirche mit allen Sinnen begreifen

Die Pfarrerin umriss, die jüngste Arbeit der freischaffenden Künstler aus Soest sei nicht nur ein Kunstwerk, sondern ein wichtiges Projekt, das blinden und sehbehinderten Menschen gleichermaßen zugutekommt. Dies bestätigte Anne Geißler, Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenvereins Rheinhessen, während sie mit Begeisterung die Strukturen der Kirche ertastete. Bei einer Führung hatte sie im vergangenen Jahr Gegenstände ertastet, Gerüche wahrgenommen und viele Treppenstufen bewältigt, die ihr in etwa die Höhe der Türme nahebrachten. „Ich habe viele Informationen zur Geschichte und zur Bebauung bekommen, aber nur einen Teil der Wand ertasten, sie nicht im Ganzen begreifen können.“ Die kleine Tastkirche nannte sie daher eine große Bereicherung. Ihre Finger wanderten über Spitzbögen, Wasserspeier und Strebepfeiler, ruhten auf den unterschiedlich hohen Dachfirsten und folgten interessiert den Bezeichnungen in Brailleschrift, die den wichtigsten Bauteilen zugeordnet sind. Im warmen Sonnenschein streiften viele weitere Hände und Finger über Turmspitzen und Dächer, um die baulichen Strukturen der bedeutenden Kirche zu erschließen. Inzwischen leuchteten die oft berührten Kirchturmspitzen leicht golden in der warmen Frühlingssonne.

Ausblick

Zukünftig möchte die Gemeinde eine „Führung mit allen Sinnen“ nicht nur für blinde Menschen entwickeln. Als weiteres Projekt ist die Erarbeitung einer Broschüre in Blindenschrift angedacht, die zu allgemeinen Hinweisen auch besondere Informationen zum Bauwerk enthalten soll. Ideen sind gefragt, wie etwa das bunt schillernde Licht der Kirchenfenster, das für Sehende offensichtlich ist, blinden Menschen anschaulich nähergebracht werden kann.