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10.09.2018

4000 Menschen streifen durch 18 Gotteshäuser

Von Gospel über Baugeschichte bis zum Alterssimulator: Nacht der offenen Kirchen präsentiert sich besinnlich und doch bunt

Der Geist der Geschichte wehte durch das Gemäuer der St. Johanniskirche. (Foto: Bernd Eßling)

„Let me fly“, intonierte Gospel-Ikone Hans Christian Jochimsen, der extra aus Kopenhagen in die Christuskirche gekommen war. (Foto: Bernd Eßling)

Weiterer Publikumsmagnet: das „schwebende Labyrinth“, das noch bis 25. November in der Christuskirche zu sehen ist. (Foto: Bernd Eßling)

Wer glaubt, dass es ein großes Spektakel ist, wenn sich rund 4000 Menschen abends zwischen 20 bis 24 Uhr auf den Weg machen und von Kirche zu Kirche ziehen, der irrt. Es geht eher besinnlich zu. Menschen hören zu und lernen sich kennen. Zum siebten Mal luden die Katholische Cityseelsorge und die Evangelische Stadtkirchenarbeit zur „Nacht der offenen Kirchen“ ein. Sie findet im Zwei-Jahres-Rhythmus statt. Dieses Mal öffneten 18 Gottesdienstorte ihre Türen.

In St. Quintin eröffnen die beiden Dekane Markus Kölzer und Andreas Klodt das ökumenische Groß-Ereignis. Mehr als 300 Besucher nehmen allein an diesem Auftakt in der mit Kerzen beleuchteten Kirche teil. Alle Sitzplätze sind besetzt. Mit einem alten Sprichwort begrüßt Kölzer die Teilnehmer: „Nachts sind alle Katzen grau.“

"Raum, um Alltag zu unterbrechen"

Genau dies treffe aber auf die „Nacht der offenen Kirchen“ nicht zu, betont er. „Diese Nacht ist bunt.“ Und er verspricht: „Hier finden Sie Raum, um ihren Alltag zu unterbrechen.“

Klodt hat sich vorab den Spaß gemacht, die Jahre der Baugeschichten der teilnehmenden Kirchengebäude zusammenzuzählen. Er ist auf 15 000 Jahre gekommen. Und so schickt er die Besucher mit einem biblischen Zitat aus dem Buch des Predigers (Kohelet)  in die Nacht: „Alles hat seine Zeit.“

Jeder Stuhl der Christuskirche besetzt


In der stimmungsvoll illuminierten Christuskirche ist ebenfalls jeder Stuhl besetzt. Hans Christian Jochimsen aus Kopenhagen sitzt hinter einem Piano und spricht zum Publikum: „Sie können mitsingen oder einfach zuhören.“

Zunächst spielt er eine Gospelmelodie. Die Musik füllt den Raum aus. Es herrscht eine beinahe meditative Stille – trotz der Musik. Bald stimmt Jochimsen das erste Lied an: „Mercy“ heißt es. Der Text erscheint gut lesbar auf einer Leinwand: „Lord, I believe I belong to you. Today I’ve made a choice, I’ll listen to your voice…“ Jochimsens Stimme ist gefühlvoll und kräftig zugleich. Manche Zuhörer summen leise mit.

Flüchtlinge erzählen

„Musik aus aller Welt – Geschichten aus aller Welt” heißt es in der Altmünsterkirche. Musiker, die nicht aus Deutschland stammen, spielen Melodien aus ihren Herkunftsländern. Flüchtlinge, die in Mainz leben, erzählen ihre Geschichten. Hier sind es vor allem junge Menschen, die gekommen sind, um ihnen zuzuhören.

Cemil Qocgiri und Ali Erel (beide 38) spielen auf einer Tenbür und einer Daf – einer Laute und einer Trommel – traditionelle kurdische Musik. Qocgiri ist ein in Duisburg geborener Kurde, der in Mainz lebt. Erel ist ein Flüchtling aus der Ost-Türkei und wohnt seit Mitte der 2000er-Jahre in Wiesbaden. Das Duo versetzt die Zuhörer in eine ihr fremde musikalische Welt.

Thema Ausbildung


Azizullah Mohammadi ist 20 Jahre alt, er stammt aus Afghanistan. Steffen Brammer, Sozialpädagoge und Kirchenvorsteher der Altmünstergemeinde, interviewt den jungen Mann. Es geht ums Thema Ausbildung, denn es sollen nicht einfach die einzelnen Lebensgeschichten aneinander gereiht werden.

Mohammadi ist seit zweieinhalb Jahren in Mainz und wohnt in der Flüchtlingsunterkunft im Allianzhaus, also mitten in der Stadt. Zurzeit macht er seine Ausbildung zum Friseur. Sein Traumberuf.

In Afghanistan keine Ausbildung

In Afghanistan hat er in der Landwirtschaft gearbeitet und Taschen genäht. Eine Ausbildung hat er nicht gemacht. „Die Väter bestimmen, was die Söhne arbeiten“, erzählt der junge Mann. Zumindest sei das bislang so gewesen. Inzwischen gehe es etwas liberaler zu.

Auch in Afghanistan hätte er gerne als Friseur gearbeitet, aber sein Vater hat es anders entschieden. Eine Ausbildung mit integriertem Schulbesuch – so etwas gibt es in seiner Heimat nicht, erzählt er. „Freust du dich auf die Schule“, fragt Brammer. Ein bisschen“, sagt Azizullah Mohammadi und lächelt: „Die Praxis ist gut, die Theorie liegt mir nicht so sehr.“

Besuch in Nachbargemeinden

Rita Gieringer ist aktives Gemeindemitglied von St. Peter, aber in diesem Jahr nicht in die Organisation der „Nacht der offenen Kirchen“ eingebunden. Diese Gelegenheit nutzt sie nun, um  Nachbargemeinden zu besuchen: „Ich komme gerade von der portugiesischen Gemeinde und will nun mal in Altmünster vorbeischauen und den Abend genießen.“

Die beiden Syrer Tarek Dames (28) und Jamel Mahmoud (26) sind gekommen, um mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Beide sind anerkannte Asylbewerber. „Ich bin Muslim, respektiere aber andere Religionen“, betont Mahmoud.

"Sehnsucht Leben"


Kontrastprogramm ist angesagt in der ökumenischen Josefskapelle des städtischen Altenheims. „Alive Club“ steht über der Eingangstür. Eine etwas ungewöhnliche Aufschrift in diesem Umfeld, könnte man meinen. Aber genau darum geht es beim Projekt „Sehnsucht Leben“, erläutert der evangelische Theologiestudent Florian Müller: „Junge helfen alten Menschen, Sehnsüchte zu erfüllen.“

Es ist ein gemeinsames Projekt der Altenseelsorge im Evangelischen Dekanat, des Projekts Ehrensache des städtischen Jugendamts sowie des städtischen Altenheims, an dem Jugendliche mitwirken, die Sozialstunden ableisten müssen, und Studierende der Universität.

Eis essen oder zu Mainz 05

So gehen Eva und Gina (beide 17) an normalen Tagen mit Bewohnern des Altenheims im Rosengarten spazieren, ein Eis essen in einem Café in der Innenstadt oder auch zu einem Fußballspiel von Mainz 05. „Die Angehörigen wohnen nicht hier oder haben nicht immer Zeit, aber mithilfe der jungen Leute können sich die Bewohner kleine Wünsche ganz leicht erfüllen“, berichtet Florian Müller. Und Eva und Gina macht es ebenfalls Spaß, erzählen sie.

Aber heute in der „Club-Nacht“ machen sie einen anderen Job. Sie zeigen Besuchern, wie sie sich einen Alterssimulator über ihre Kleider anziehen können – mit dem Ergebnis, dass Arme und Beine schwer werden und man Mühe hat sich zu bewegen. Den Kontrast zur „alten Hälfte“ des Kirchenraums, der mit entsprechenden Accessoires (einem Schaukelstuhl und ähnlichem) ausgestattet ist,  können Besucher im anderen Teil erleben. Hier gibt es eine Lounge mit Cocktail-Drinks für junge Leute. Die Schlange davor ist ziemlich lang.

Authentische Eindrücke durch Videoinstallation

Wer tief in die eingangs angesprochene Mainzer Kirchengeschichte eintauchen will, ist an diesem Abend in der St. Johanniskirche am besten aufgehoben. In einer Videoinstallation werden Rekonstruktionen des Alten Doms gezeigt. Die Besucher bekommen einen authentischen Eindruck von der Grabungsstätte. Und da im Halbstunden-Takt immer nur jeweils 30 Menschen Einlass finden, herrscht auch hier eine beinahe besinnliche Atmosphäre. Der Atem der Geschichte weht durch das Gemäuer. „Alles hat seine Zeit“, sinnierte einst der Prediger.