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05.09.2018

„Alter Dom“ erwacht virtuell zum Leben

Rekonstruktion von St. Johannis im Jahr 1906 in Farbe wird erstmals öffentlich bei „Nacht der offenen Kirchen“ und zum „Tag des offenen Denkmals“ präsentiert

Blick zum Altar und zur Orgel in der „Evangelischen Gemeindekirche“ im Jahr 1906. Architekt war Friedrich Pützer. Bild: Architectura Virtualis GmbH, Kooperationspartner der Technischen Universität Darmstadt

Die „atemberaubende Kassettendecke“ der „Evangelischen Gemeindekirche“ im Jahr 1906. Architekt war Friedrich Pützer. Bild: Architectura Virtualis GmbH, Kooperationspartner der Technischen Universität Darmstadt

Entwürfe der Ausmalung von Otto Linnemann aus dem Jahr 1907, Längsschnitt, Inv.-Nr. 201200 Bild: Bettina Schüpke, Linnemann-Archiv Frankfurt a. M.

Die St. Johanniskirche ist die aktuell wohl spannendste archäologische Fundgrube in Mainz. Aber nicht nur vor Ort, sondern auch in Bibliotheken und Archiven erforschen Wissenschaftler verschiedener Disziplinen die Baugeschichte des „Alten Doms“. Die Ergebnisse gibt es öffentlich zu sehen: Die Modelle des  Darmstädter  Büros Architectura Virtualis werden erstmals in der Nacht der offenen Kirchen am Freitag, 7. September, ab 20 Uhr öffentlich gezeigt, am Sonntag, 9. September, wird in der Kirche zusätzlich ein 13-minütiger Film gezeigt, der sieben Bauphasen des Alten Doms vor Augen führt.

Aquarellierte Bleistiftentwürfe von 1907

„Herzstück“ der Präsentation sind aquarellierte Bleistiftentwürfe  des renommierten Glasmalers Otto Linnemann aus dem Jahr 1907, erläuterten die Experten bei einem Pressetermin.  Der Darmstädter Architekt Friedrich Pützer, der die Kirche nach dem so genannten Wiesbadener Programm im Sinne des Jugendstils umbauen ließ, hatte ihm den Auftrag gegeben. Die Berliner Kunsthistorikerin Bettina Schüpke hat nun das private Linnemann-Archiv in Frankfurt für ihre Doktorarbeit systematisch erforscht.

Mehr als 150 Entwürfe Linnemanns sind hier enthalten: Sein Atelier entwarf Glasfenster, Wandmalereien und Kirchenausstattungen. Es war damals dass führende Atelier für Historismus und Jugendstil. Viele Werke sind im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, auch die vier Fenster der St. Johanniskirche. Eine Bombe war in der Nacht vom 11. auf den 12. August in unmittelbarer Nähe der Kirche eingeschlagen und hatte sie zerbersten lassen.

Erstmals Rekonstruktion der Farben

Schüpkes Arbeit machte es möglich, die bisher nur durch Schwarz-Weiß-Fotografien dokumentierten Malereien farblich zu rekonstruieren. Ein typisches Element aus der Zeit des Jugendstils sind zwei Pfauen an der Langhauswand, erläuterte Schüpke. Auch im Gewölbe des Chors tauchen Pfaufedern auf. Naturmotive waren beliebt bei den Künstlern des Jugendstils. Und der Pfau galt als Symbol ewigen Lebens.

Dr. Marc Gellert von Architectura Virtualis in Darmstadt rekonstruierte Linnemanns Entwürfe am Computer und übertrug die Zeichnungen auf die Modelle. Auch „die atemberaubende Kasettendecke“ können Besucher künftig bei Gruppenführungen mithilfe von  3D-Cookies anschauen, erläuterte Gregor Ziorkewicz, Pfarrer für Stadtkirchenarbeit an St. Johannis.

Haptische Schnittmodelle

Neben der filmischen Darstellung wird die Baugeschichte von St. Johannis auch durch haptische Schnittmodelle visualisiert, die die Bauphasen von außen und innen zeigen. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN)  hatte die virtuelle Rekonstruktion der Bauphasen im Rahmen eines Projekts initiiert. 

Dr. Guido Faccani, Wissenschaftlicher Forschungsleiter an St. Johannis, betonte, dass die Geschichte der Kirche einher geht mit den Ursprüngen des Christentums in Mainz. Er erinnerte an den Paradiesgang, der einst unterirdisch vom Alten zum „neuen“ Dom führte und auch daran, dass der Alte Dom auch architektonisch Pate gestanden hat für den 1009 erstmals eingeweihten „neuen“ Dom.

Kirche wurde zum Strohlager

Ab 1792, als Mainz zu Frankreich gehörte, wurde die Kirche säkularisiert und diente als Strohlager und Militärdepot. Erst 1828 übernahm die evangelische Gemeinde die Kirche. Bis 1905, als die Christuskirche eröffnet wurde, war sie die einzige evangelische Kirche in Mainz.

Dekan Andreas Klodt erläuterte, dass die Rekonstruktion der Linnemann-Entwürfe erneut die lange Tradition der hochwertigen Ausstattung der Kirche belege. Auch darum sei es wichtig, dass die Ergebnisse der Forschungen öffentlich präsentiert werden.

Im Sommer 2013 entdeckt

Im Sommer 2013 waren bei Restaurierungsarbeiten Reste eines Pfeilers aus merowingischer Zeit (7. Jahrhundert) in St. Johannis entdeckt worden. Bei Grabungen kamen Mauern und Bodenreste der Antike und des Frühmittelalters zum Vorschein, ebenso Bestattungen innerhalb und außerhalb der Kirche. Zahlreiche Funde haben die Forscher seither begeistert und stießen auf großes Interesse bei bisherigen öffentlichen Terminen – wie der Nacht der offenen Kirchen oder dem Tag des offenen Denkmals.

 
Nacht der offenen Kirchen in Mainz
Freitag, 7. September, 19:30 bis 24 Uhr
Eintritt frei – Einlass alle 30 Minuten – Eintrittskarten erforderlich

Tag des offenen Denkmals
Sonntag, 9. September, 12 – 18 Uhr
Eintritt frei – Einlass alle 30 Minuten – Eintrittskarten erforderlich

www.alter-dom-mainz.de