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20.08.2018

Mit Herzblut und Fachwissen gegen den Wegwerf-Wahn

Reparieren statt Müll produzieren: Repair Café des Evangelischen Dekanats Mainz feiert fünften Geburtstag

Haben im Repair Café schon manches Kleinod vor der Müllkippe gerettet (von links): Die „Reparierer“ Ali Rezaei, Irma und Bernhard Kaiser sowie Referentin Gisela Apitzsch. (Foto: Öffentlichkeitsarbeit Evangelisches Dekanat Mainz)

„Ein Umdenken über unsere Konsumgewohnheiten ist dringend nötig, um dem Verschleudern unserer natürlichen Ressourcen entgegenzuwirken.“ Das war vor fünf Jahren der Grundgedanke von Gisela Apitzsch und ihren ehrenamtlichen Mitstreitern bei der Gründung des ersten Repair-Cafés in Rheinland-Pfalz. „In einem Raum im vierten Stock des Hauses der evangelischen Kirche haben wir im April 2013 zu dritt angefangen“, berichtet die Referentin für Gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Dekanat Mainz bei einem kleinen Sommerfest im Hof der Mainzer Windmühlenschule.

Von Anfang an mit dabei waren Irma und Bernhard Kaiser. Das Ehepaar war zuvor schon in der Initiative „Transition Town“ aktiv.  „Sie versucht, eine Stadt  ökologisch zu verändern“, erläutert  Irma Kaiser. Das ist auch die Idee des „Repair Cafés“.

Elektrogeräte, Modeschmuck und vieles mehr

Defekte Elektrogeräte, Computer, Fernseher, Spielzeug, Kleinmöbel, Gitarren, Fahrräder, Modeschmuck und vieles mehr bringen die Besucher mit. Damit alles in geordneten Bahnen verläuft, weist Gisela Apitzsch alle Neuankömmlinge auf die „Hausregeln“ hin. So werden die Reparaturen generell als Hilfestellung zur Selbsthilfe ausgeführt. Man kann also nicht einfach sein kaputtes  Fahrrad vorbeibringen und es zwei Stunden später wieder abholen.

Für Schäden, die möglicherweise an den Gegenständen entstehen, haften „die Reparierer“, wie Gisela Apitzsch sie gerne nennt, nicht. Über Spenden und Leihgaben aller Art freuen sich die Organisatoren. Auch über Anregungen und neue Kooperationen.

Die Uhr, die schon seit Jahren steht

Hildegard Coester (79) hat eine hochwertige Miniatur-Standuhr mitgebracht, die bei ihr zu Hause auf dem Sekretär steht, deren Uhrwerk aber schon vor einigen Jahren stehen geblieben ist. „Sie ist ein Schmuckstück, aber eine Uhr, die nicht geht, ist nicht wirklich schön.“

Jürgen Klute (64) schaut sich die kleine Messing-Uhr an. „Das wird vermutlich an der Batterie liegen“, sagt er. Er zieht sich eine Kopf-Lupe auf, um die Schräubchen an der Uhr zu inspizieren und sie aufzudrehen.

Neue Batterie wird selbst besorgt

Schließlich holt er eine  winzige Batterie aus dem Gehäuse und  reicht sie der Kundin. Sie schaut ihn erstaunt an: „Und ich kaufe jetzt eine neue Batterie und komme damit wieder zu Ihnen, damit Sie sie einsetzen?“ Jürgen Klute nickt: „Zu mir oder zu einem der Kollegen, denn die können das auch.“

Klute hat Elektronik studiert und repariert „alles, was einen Stecker hat“. Beruflich hat er in den letzten 20 Jahren in der Unternehmensberatung gearbeitet. Im Repair-Café kann er seine früher erworbenen  Fachkenntnisse kompetent einbringen.

Handbuch zur Sicherheit herausgegeben

Aber es gibt auch Dinge, von denen er die Finger lässt: Mikrowellen etwa, weil dabei Strahlungen entstehen. „Das überlässt man besser den Fachleuten.“ Und auch große Sachen wie Waschmaschinen oder Spülmaschinen nimmt das Repair-Café nicht an.  Wichtig ist Klute, dass durch das Reparieren keine Gefahr für die Benutzer entsteht. Daher hat er in Kooperation mit der überregionalen „Anstiftung“, die den Kontakt der Repair-Cafés untereinander fördert, ein Handbuch zur Arbeitssicherheit in Repair-Cafés herausgegeben.

Andreas H. (43) hat sich ein Stück Kuchen geholt und schaut den „Reparierern“ ein wenig über die Schultern. Der Hartz-IV-Empfänger hat zwei Fahrräder mitgebracht, die nicht mehr ganz fahrtauglich sind. Der Kollege an der Radstation hat eine defekte Gangschaltung behoben und die Bremsen neu eingestellt. Da aber weitere fünf Kunden in der Warteschleife stehen, muss sich Andreas H: gedulden, bis sein zweites Rad an die Reihe kommt. Denn die Leute sollen möglichst nur jeweils einen Gegenstand mitbringen. Auch das steht in den Hausregeln.

"Ein buntes Völkchen"

„Wir sind ein buntes Völkchen“, schwärmt Gisela Apitzsch beim Blick auf die verschiedenen Stände: den Kleidertausch, die Holzwerkstatt, die 3D-Druckstation, die Näh- und die Schmuckstation sowie auf den „Umsonst-Laden“. Hier kann man abgeben, was man selbst nicht mehr braucht, und darf anderes kostenlos mitnehmen.

„Als wir vor fünf Jahren angefangen haben, waren viele Leute skeptisch, ob wir genügend kompetente Mitstreiter finden.“ Aber das war kein Problem, weil das Repair Café  sehr schnell durch die Medien bekannt wurde und regen Zuspruch fand.

Jeden Monat rund 100 Besucher

Rund 100 Menschen kommen zu den monatlichen Treffen. Etwa 40 „Reparierer“ kümmern sich um die defekten Sachen. „Sie haben viel Spaß und lernen voneinander.“ So will  Bernhard Kaiser, der in der Holzwerkstatt und der Fahrradreparatur tätig ist, sich von Carsten Kroll in die Technik der 3D-Druckstation einführen lassen. Hier werden Kunststoff-Ersatzteile hergestellt, die nicht mehr lieferbar sind. „Dieses Verfahren ist in der Industrie längst üblich“, erzählt Carsten Kroll, „aber nicht im privaten Haushalt“.

Ein wenig internationaler könnte man noch werden, wünscht sich Apitzsch. So ist Ali Rezaei (29), ein in Afghanistan ausgebildeter Schneidermeister, ein gefragter Experte an der Nähstation. Der anerkannte Asylbewerber nutzt seine Zeit im Repair Café  auch dazu, seine Deutschkenntnisse zu verbessern.

Rückbesinnung auf Werte

Und noch eine Vision hat Gisela Apitzsch: „Gut wäre es, ein gemeinsames Zentrum mit anderen Initiativen zu haben, die ebenfalls auf Nachhaltigkeit setzen.“ Denn, so ist sie überzeugt: „Man sollte sich wieder eher an der Generation unserer Großeltern orientieren: Sie haben länger an ihren Wertsachen festgehalten hat als dies heute üblich ist.“


Das Repair Café in Mainz ist in den Kellerräumen der Windmühlenschule, Generaloberst-Beck-Straße 1,  jeweils am letzten Freitag des Monats (außer Dezember) von 18 bis 20.30 Uhr geöffnet. Internet: www.repaircafemainz.de