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18.06.2018

Unter St. Johannis liegen die größten Schätze

Stadtgang: Erwachsenenbildung und Stadtkirchenpfarramt des Evangelischen Dekanats Mainz entführen in die evangelische Vergangenheit von Mainz

"Luther war nie in Mainz. Er war und ist hier aber sehr präsent“, erläuterte Stadtpfarrer Gregor Ziorkewicz.

Seit Jahren graben sich die Archäologen unter St. Johannis in die Tiefe.

Die Gruppe, die sich auf Einladung des Evangelischen Dekanats Mainz am Samstag um die Mittagszeit an der Heunensäule trifft, möchte nicht ins Mainzer Marktleben eintauchen, sondern tief in die Geschichte der Stadt und der Evangelischen Kirche. Der Stadtgang zu Reformation und Revolution unter Leitung von Isa Mann von der Evangelischen Erwachsenenbildung und Gregor Ziorkewicz, Stadtkirchenpfarrer an St. Johannis, beginnt im Schatten des Domes und führt über mehrere Stationen bis zum Erthaler Hof in die Schillerstraße.

„Eines ist sicher: Luther war nie in Mainz, war und ist hier aber sehr präsent“, erläutert Ziorkewicz und bringt den rund 20 Interessierten Albrecht von Brandenburg, Kardinal und Erzbischof von Magdeburg und Mainz und Dienstvorgesetzter Luthers, näher. Der hatte sich zunächst dem humanistischen Gedanken geöffnet, wurde aber dann doch zum Förderer des Ablasshandels und zu Luthers Gegenspieler.

Marktbrunnen gestiftet

Der Mainzer Bevölkerung stiftete er den Mainzer Marktbrunnen nach dem Ende des Deutschen Bauernkrieges: Die Mainzer hatten sich 1525 nach der militärischen Niederschlagung wieder ihrem Landesherrn unterworfen, wie die Gruppe an dem Renaisssancebau erfuhr, der als wichtige Frischwasserquelle diente. Wie Ziorkewicz erläuterte, herrschte in Mainz damals eine reformfreudige Stimmung: Das Vorhaben, die Bücher mit den Reformgedanken zu verbrennen, übrigens die Aufgabe des Henkers , war öffentlich nicht wie geplant möglich, da in der Stadt eine starke Stimmung dagegen herrschte. Sie mussten zu einem anderen Zeitpunkt heimlich verbrannt werden.

Während sich das Markttreiben seinem Ende nähert, nähert sich die Gruppe einem ersten Höhepunkt der Führung: dem Besuch von St. Johannis. Seit 2013 – damals sollte der Innenraum saniert und die Heizung erneuert werden - ist die evangelische Kirche zur Grabungsstätte geworden. „Dass wir bei Arbeiten hier etwas finden, war klar“, sagt Ziorkewicz, „aber das hier so ein Schatz liegt, damit hätten wir nicht gerechnet.“

Mehr als 500.000 Fundstücke in St. Johannis geborgen

Die Johanniskirche ist die älteste Kirche in Mainz. Ihre Wurzeln reichen bis in die merowingische Zeit zurück, 1036 war hier die Bischofskirche des Erzbistums Mainz, weshalb sie heute auch „Alter Dom“ genannt wird. 1828 wurde sie von der evangelischen Gemeinde übernommen. Schichtenweise graben sich die Archäologen hier seit Jahren in die Tiefe. Mittlerweile wurden  mehr als 500.000 kleine und große Fundstücke erfasst und sortiert: Knochen- und Putzreste, Keramik, Schieferteile, Holzkohle. Größere Funde wie etwa das jüngst gefundene antike Kapitell erhalten einen Fundzettel. Datiert und ausgewertet werden die Funde später.

Der Weg zum Schillerplatz holt die Stadtganggruppe zunächst wieder in die Gegenwart zurück. Überall gehen und sitzen Menschen und genießen bei schönem Wetter das Treiben. In der Nähe des Fastnachtsbrunnens und der verschiedenen barocken Höfe erfahren die Interessierten dann mehr über Mainz als Garnisons- und Festungsstadt und über die blutige Niederschlagung der Bauernkriege, die auch in Mainz ihren Nachhall fand.

Dann führt Isa Mann zum Proviantamt. Hier geht es um Friedrich Karl Joseph Reichsfreiherr von Erthal, Kurfürst und Erzbischof, der eigentlich 1774 gewählt worden war, um die Restauration in Mainz voranzubringen. Aber er stand dem aufklärerischen Gedankengut doch näher als gedacht, wollte das Landschulwesen reformieren, griff die moderne Verwaltung seines Vorgängers auf, förderte das Armen-, Spital- und Fürsorgewesen.

Drei Klöster aufgelöst

Und er löste 1781 die drei reichsten Mainzer Klöster auf – Altmünster, Kartause und Reichklara – und überführte deren Vermögen in den neu gegründeten Fond der Universität. Er lud interessante Professoren ein, unter anderem 1788 als Bibliothekar Georg Forster, der in einem der sogenannten „Professorenhäuser“ wohnte. Eine Tafel zeugt noch heute davon.

Georg Forster war Naturforscher, Ethnologe und Reiseschriftsteller – unter anderem war er mit James Cook um die Welt gesegelt - und wurde zum Protagonist der Ausläufer der französischen Revolution in Mainz: Als deutscher Jakobiner war er an der Gründung der Mainzer Republik beteiligt, saß dem Mainzer Jakobinerclub vor.

Rast im Erthaler Hof

Eine schick gekleidete Familie, die über den Platz läuft, zieht kurz die Aufmerksamkeit auf sich, dann spaziert die Gruppe zur letzten Station: Die Teilnehmenden dürfen in dem großen barocken Festsaal des Erthaler Hofs Platz nehmen. Zwischen 1734 und 1743 als Familienpalais von Philipp Christoph Reichsfreiherr von und zu Erthal, dem Vater von Friedrich Karl Joseph, errichtet, nimmt er unter den Mainzer Adelshöfen eine Sonderstellung ein, weil er die Weltkriege weitgehend unbeschadet überstand. Heute ist er Sitz der Generaldirektion Kulturelles Erbe.

Mit Blick auf das Gemälde, das den Kurfürsten von und zu Erthal zeigt, erfahren die Teilnehmenden  noch etwas über einen weiteren berühmten Sohn der Stadt: Jeanbon St. André, den 1802 von den Franzosen in Mainz eingesetzten Präfekten des Département du Mont-Tonnerre (Donnersberg), der auch für die evangelischen Christen einiges getan hat, wie Ziorkewicz erläutert.

Geistlichen Besitz verstaatlicht

In seinen Ausführungen wird deutlich: Der Mann war eine schillernde Persönlichkeit, war Hugenotte und fuhr zur See, studierte Theologie und arbeitete als Pfarrer, unterstützte die Revolution und war Abgeordneter seines heimischen Jakobinerclubs in der Nationalversammlung, die er sogar kurz leitete. In Mainz verstaatlichte er geistlichen Besitz, wollte den Dom abreißen lassen und erlaubte den ersten evangelischen Gottesdienst am 2. Mai 1802 auf Mainzer Boden. Er sorgte auch für die Errichtung des Hauptfriedhofs, wo er nach seinem Tod 1813 begraben wurde.

Dann ist der Stadtgang, der einmal im Jahr stattfindet, zu Ende und die Teilnehmenden tauchen aus der Vergangenheit auf und kehren in die belebte Mainzer Innenstadt der Gegenwart zurück  - angefüllt mit viel historischem Wissen und vielen Anregungen, sich weiter mit der Mainzer Geschichte zu beschäftigen.

Kontakt: Evangelisches Dekanat Mainz
Evangelische Erwachsenenbildung
Telefon: 06131/960 04 21, Email: post@eeb-mainz.de