EKHN.TV


Videos und Audio-Slideshows mit spannenden Geschichten aus Hessen und Nassau. Hier geht's zu EKHN.TV

12.10.2017

Mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind

Ausstellung zum Thema „Reformation für Alle* – Transidentität/Transsexualität und Kirche“ in der Christuskirche

Petra Weitzel (dgti) und Pfarrer Matthias Hessenauer (Foto: Karin Weber)

Foto: Karin Weber

Foto: Karin Weber

„Die Christuskirche in Mainz steht allen* Menschen offen. Sie dürfen das Sternchen ruhig mithören“, sagt Pfarrer Matthias Hessenauer. Das Sternchen, es steht für alle Identitäten. Alle* schließt transidente Menschen ein. Menschen, deren körperliches und empfundenes Geschlecht nicht übereinstimmen. Menschen, die sich nicht (nur) dem ihnen bei der Geburt notierten Geschlecht zugehörig wissen.

Die Ausstellung „Max ist Marie – Mein Sohn ist meine Tochter ist mein Kind“ im Foyer der Christuskirche ermöglicht bis 22. Oktober, sich ein persönliches Bild über transidente Menschen zu machen. Denn das Projekt von Kathrin Stahl über und für transidente Menschen stellt diese in berührenden, ausdrucksvollen Bildern und bewegenden Texten auf dem Weg ihrer Geschlechtsanpassung vor. Die Künstlerin begann das Projekt mit einem Fotoshooting ihrer Tochter Marie, die einmal ihr Sohn Max war. Neun weitere Porträts ergänzen die einfühlsame Ausstellung und laden zum Gedankenaustausch und zur Begegnung zwischen Menschen ein. Die Schirmherrschaft über das erste Kooperationsprojekt der Evangelischen Christuskirchengemeinde mit dem Verein „Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti)“ hat Kirchenpräsident Dr. Volker Jung (EKHN) übernommen. Nach seinen Worten ist es eine der Lehren der Reformation, eingefahrene Denkmuster immer wieder neu zu überprüfen. Das gelte auch für den Blick auf Menschen mit unterschiedlichster sexueller Orientierung. Basis müsse das Vertrauen in die Liebe Gottes bleiben, der das Leben in seiner Vielfältigkeit geschenkt habe. Aufgabe bleibe es, sich selbst und andere „anzunehmen“.

Propst Dr. Klaus-Volker Schütz erläutert zur Vernissage, die hessen-nassauische Kirche sei bekannt als Kirche, die sich offen den sozial-ethischen Herausforderungen stelle. Sexuelle Vielfalt in verschiedenen Farben und Schattierungen sei nicht nur ein Randthema, das sich auf kleine Minderheiten beschränke, sondern bringe wichtige Fragen ins Spiel, wie etwa die der Transidentität und Transsexualität. Er ergänzt, zum 500. Jahr der Reformation sollte die Evangelische Kirche einen Beitrag dafür leisten, dass Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ein Ende habe. Schließlich gehöre es zum Glauben der Protestanten, dass jeder Mensch ein Ebenbild Gottes sei.


Tiefe Einblicke in die Erfahrungswelten transidenter Menschen

Langsam gehen die Gäste der Vernissage an den einzelnen Aufnahmen vorbei. Die zehn Schwarz-Weiß-Fotografien erlauben tiefe Einblicke in die Erfahrungswelten transidenter Menschen. Einige der Porträtierten haben ihre Augen geschlossen. Es wirkt, als seien sie tief versunken. Andere sehen glücklich aus. Xenia und Konstantin sehen den Betrachtern direkt in die Augen. Manche Besucher halten das Begleitheft zur Ausstellung in der Hand, lesen die Geschichten zu den dargestellten Personen. Denn neben den bemerkenswerten Fotos gehören die sehr persönlichen Texte von Aleks, Steffi, Asta, Manuela, Marie, Helmi, Yannick, Xenia, Lena und Konstantin zur Ausstellung. Hier erfährt man, dass Marie gerne Café Latte trinkt und große Taschen liebt. Hier ist auch die Geschichte ihrer Transidentität zu lesen. Ihr größter Wunsch – „Ich möchte einfach nur gesund sein“ – steht zudem direkt neben ihrem Porträt.

„Die Ausstellung zeigt realistische Bilder, so wie die Menschen wirklich sind“, sagt Petra Weitzel, seit 2017 Erste Vorsitzende des Vereins dgti. Viele wissen zu wenig über das Thema Transidentität. „Man fragt sich, wie sehen transidente Menschen aus, wenn man keinen kennt.“ Die Ausstellung von Kathrin Stahl, die im Rahmen der „Woche der Beachtung (Transgender awareness week) Rhein-Main 2017“ das erste Mal in Rheinland-Pfalz gezeigt wird, sei geeignet, „diffuse Bilder und Ängste mit einem Wisch wegzupusten“, sagt Weitzel. Die Gründerin der dgti-Landesverbände in Rheinland-Pfalz und Hessen erklärt: „Offen sein für alle* heißt auch offen zu sein für die Menschen, an die man bisher nicht gedacht hat oder denken wollte. Für uns bedeutet es, dass auch wir einen Platz in der Kirche bekommen.“

„Die Christuskirche in Mainz steht allen* Menschen offen“, bekräftigt der Pfarrer der Christuskirchengemeinde, Matthias Hessenauer. Alle, das sei ein großes Wort. Es könne nicht sein, dass man Alle sage, aber Einzelne ausgrenze, wie es in der Geschichte der Kirche geschehen sei, so Hessenauer. Denn die Liebe Gottes gelte allen Menschen. Das schließe auch transidente Menschen ein.

„Gott schuf Mann und Frau, aber auch Tag und Nacht. Trotzdem gibt es die Morgendämmerung und die Abendröte“, sagt der Pfarrer und weist auf die Facetten dazwischen hin. Facetten, wie Menschen sich selbst verstehen und verstehen dürfen. Ein Anliegen der Reformation sei es, dem Menschen zuzuhören und das Individuum zu stärken, spannt er den Bogen zum Jubiläumsjahr und ergänzt: „Wir hören euch zu, wie ihr euch von Gott gemacht versteht.“ Luther habe befreien wollen, nicht einengen. Somit sollte der Einzelne auch kein Raster aufgelegt bekommen.

Anlass für die Ausstellung „Max ist Marie“ gab die Broschüre „Reformation für Alle*“ der dgti, an der Petra Weitzel federführend mitgewirkt hat. Diese gibt zum Reformationsjubiläum einen Überblick über die Entwicklung und den aktuellen Stand der Behandlung von transsexuellen und transidenten Menschen in den verschiedenen Kontexten von Theologie, Medizin, Recht und Politik. Zudem erzählen Menschen ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse als oder mit Trans*Menschen in der Kirche sowie im Umgang mit ihnen in den Gemeinden, im Freundeskreis oder in ihren Familien.

Daraus entstand die Idee, im Reformationsmonat Oktober des Lutherjahrs einen Gottesdienst zu diesem Thema in der Christuskirche zu feiern. Die Ausstellung gibt Besuchern die Möglichkeit, diese Thematik zu vertiefen. Klaus Peter Lohest vom Ministerium für Familie, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz des Landes Rheinland-Pfalz sagt in Vertretung der Staatssekretärin Dr. Christiane Rohleder in seinem Grußwort zur Vernissage: „Ich hoffe, dass Menschen durch die Ausstellung ihre Bedenken gegenüber dem Anders sein ein Stück weit verlieren.

Information

Die Ausstellung „Max ist Marie“ im Foyer der Christuskirche ist bis 27. Oktober täglich von 9 bis 18 Uhr und freitags von 12 bis 18 Uhr zu sehen.

Der Gottesdienst „Reformation für Alle*“ wird am 22. Oktober um 10 Uhr mit Pfarrerin Oberkirchenrätin Christine Noschka (EKHN), Pfarrerin Elke Spörkel (EKiR) und Pfarrer Matthias Hessenauer in der Christuskirche gefeiert, mitgestaltet von „queerubim - Chor für geistliche Musik und mehr“ unter der Leitung von Tim Brügmann. Anschließend Empfang im Foyer der Christuskirche mit dem Vokalensemble „no:promise“ unter der Leitung von Markus Brückner.

Weiteres zur Broschüre „Reformation für Alle* – Transidentität/Transsexualität in der Kirche“ im Internet unter www.tur2017.de