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27.11.2017

Packende Berichte von Menschen in Not

Sozialmediziner Gerhard Trabert beim Jugenheimer Martinskirchengespräch

Allein die Schilderung des Schicksals der kleinen Kardeshia, die bei der Rückeroberung der Stadt Mossul im Norden des Iraks ihre Eltern verliert und selbst in Lebensgefahr gerät, war ergreifend. Was der Referent des vierten von der Evangelischen Kirchengemeinde Jugenheim veranstalteten Martinskirchengesprächs, der Arzt und Sozialmediziner Prof. Dr. Gerhard Trabert, in der Evangelischen Martinskirche Jugenheim von seinen medizinischen Einsätzen als Arzt der Armen im In- und Ausland berichten konnte, das ließ an diesem Abend keinen seiner über 100 Zuhörer kalt.

Der Autor des gerade erschienenen Buches „Gratwanderungen – Als Arzt in 5 Kontinenten“, der im Hauptberuf Professor für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie an der Hochschule Rhein-Main ist, erzählte ebenso klar wie packend von seinen Erlebnissen. Insbesondere die Schilderung seiner persönlichen Eindrücke von den Flüchtlingslagern in Griechenland und Italien ebenso wie sein Augenzeugenbericht von der verzweifelten, lebensgefährlichen Flucht der Menschen über das Mittelmeer lösten bei den Besuchern des Martinskirchengesprächs Betroffenheit und Mitgefühl aus. Und das war es wohl, was diesen Abend in dem großzügigen Jugenheimer Gotteshaus so eindrucksvoll machte.

Die kleinen musikalischen „Zwischenspiele“, die den mit Bildern illustrierten Bericht umrahmten, korrespondierten sensibel mit dem Erzählten. Gestaltet wurden sie von der Sängerin Anita Zimmermann, die sich als Sozialpädagogin mit Trabert zusammen in der Mainzer Beratungsstelle „Flüsterpost“ für Kinder engagiert, deren Eltern an Krebs erkrankt sind, und dem Pianisten Matthias Reinig. Als es in der Lesung um die Initiative des Sozialmediziners Trabert für die wohnungslosen Menschen in der Stadt Mainz ging, stimmte Anita Zimmermann z.B. das Lied „Another day in paradise“ von Phil Collins an, welches die Not einer obdachlosen Frau beschreibt. Der Sozialmediziner Trabert hat sich nicht nur wissenschaftlich mit dem Thema Armut und Gesundheit auseinandergesetzt, sondern auch ganz praktisch bereits 1994 mit dem Mainzer Modell eine medizinische Versorgungseinrichtung für Obdachlose gegründet, die mit Hilfe einer mobilen Arztpraxis zu den Menschen fährt und diese kostenlos behandelt.

Auf die Frage, warum er sein Leben den Armen und Notleidenden im In- und Ausland gewidmet hat, antwortet Trabert gerne, dass er selbst von den Begegnungen mit den Menschen sehr profitiere, ja dass diese ihn erden würden und Kraft gäben. „Denn es ist eine sehr intensive authentische Form der Beziehung und Begegnung“. Dass Traberts Arbeit mittlerweile weithin gewürdigt wird, zeigen nicht nur zahlreiche Preise und Würdigungen, die er über die Jahre hinweg erhalten hat, sondern brachte auch die kurze Podiumsdiskussion, die sich in der Jugenheimer Kirche an Traberts Vortrag anschloss, zum Ausdruck. Mit auf dem Diskussionspodium: der neue Mainzer Sozialdezernent Dr. Eckart Lensch, selbst Arzt, und deshalb vielleicht als Berufskollege durchaus vertraut mit Traberts Anliegen. Der Moderator des Abends, der Fernsehjournalist Uli Röhm, fragte Lensch provokant, ob die Sozialpolitiker versagt hätten, wenn Ärzte wie Gerhard Trabert so erfolgreich seien. Lensch konterte, dass für die Sozialpolitik nicht alles voraussehbar sei, dass das Mainzer Dezernat für Soziales, Kinder, Jugend, Schule und Gesundheit jährlich über einen großen Etat für soziale Aufgaben verfüge, aber trotzdem nicht alle Aufgaben, für die es zuständig sei, bewältigen könne. Trabert forderte dem gegenüber, dass die Probleme, die es derzeit noch im sozialen Bereich gäbe, benannt werden müssten, dass darüber geredet werden müsse, und da schaue er, angesichts der Gesprächsbereitschaft des neuen Sozialdezernenten Dr. Eckart Lensch, optimistisch in die Zukunft. Versöhnlicher Ausklang eines Abends, der angesichts der Not die Trabert schilderte, die Zuhörer nachdenklich stimmte.