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10.07.2017

Schreiben wie zu Luthers Zeiten

Schreibpulte und Kerzen verwandeln Stadecker Kirche in Scriptorium

Es ist sehr still im Kirchenraum – nur gedämpft hört man von draußen das müde Zwitschern der Vögel. Schließlich ist es ja auch Samstagabend, 21.00 Uhr, und in der Evangelischen Peterskirche von Stadecken ist alles bereit für eine besondere Nacht. Tische mit schrägen Schreibplatten sind aufgebaut – Kerzen leuchten, wohin das Auge sieht. Pfarrerin Anita Nowak-Neubert hat unter dem Motto „Schreiben wie zu Luthers Zeiten“ zusammen mit ihren ehrenamtlichen Helfern den schlichten Kirchenraum aus dem 18. Jahrhundert in ein (fast) mittelalterliches Scriptorium verwandelt.

Hier sollen ­– bis Sonntag früh – wie zu Luthers Zeiten Bibeltexte abgeschrieben werden – genauer gesagt, das Markus-Evangelium, weil das, so erklärt es die Pfarrerin zu Beginn der Veranstaltung, nicht nur das älteste, sondern auch das kürzeste Evangelium des Neuen Testamentes ist. „Das Wort“, das Evangelium Jesu Christi für alle“, so hat es die Pfarrerin in ihrem in der Kirche ausgelegten Anlauftext für zu verfassende „Handschrift“ der Gemeinde festgehalten, „darum soll es gehen“ – an diesem sommerlich-warmen Abend in der stillen Stadecker Kirche.

Nach einer kurzen Andacht sind die vier Schreib-Tische in der Apsis der Peterskirche schnell besetzt. Zu hören ist jetzt nur noch das Gleiten der Stifte über das vorbereitete Papier und das Flüstern der Gäste im Kirchenraum. Eine geradezu meditative Atmosphäre breitet sich aus, und sowohl der Zuschauer als auch der Schreiber bekommt einen Eindruck davon, mit welcher Geduld und Konzentration frühere (Ab-)Schreiber biblischer Texte ihrer Tätigkeit nachgegangen sind. Und auch ganz praktische Probleme werden den fleißigen neuzeitlichen Schreibern in der Peterskirche deutlich: „Bei Kerzenschein abzuschreiben, ist wirklich nicht einfach“, stellt die Stadeckerin Annemie Singer fest, die bereits ein Kapitel des Markus-Evangeliums mit großer Sorgfalt abgeschrieben hat. Zusammen mit ihrer Freundin genießt sie nun die besondere Atmosphäre der Peterskirche, um sich kurze Zeit später noch einmal an ein wieder frei gewordenes Schreibpult zu setzen.

Die Andachten, die Pfarrerin Nowak-Neubert zusammen mit Ehrenamtlichen und Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorstehern der Gemeinde zu jeder vollen Stunde hält, unterbrechen nicht nur die besondere Stille dieses Abends. Sie tragen auch das Ihrige zu dem besonderen Erlebnis des „Kirchen-Scriptoriums“ bei. „Das ist eine gute Gelegenheit“, so Pfarrerin Nowak-Neubert, „die Kirche auf sich wirken zu lassen und zu spüren, was dieser Raum heute Nacht zu sagen hat“. Dass das vorgenommene Pensum des Markus-Evangeliums in dieser Nacht von den ehrenamtlichen Schreiberinnen und Schreibern bewältigt werden kann, davon ist die Pfarrerin überzeugt:  „Ich bin zuversichtlich, denn jetzt, um 22.30 Uhr, sind schon vier Kapitel dieses Bibeltextes abgeschrieben“. In der nun anbrechenden Nacht kommen immer wieder Menschen in die Kirche. „Die Meisten“, erinnert sich Pfarrerin Nowak-Neubert, am nächsten Morgen, „haben geschrieben – andere kamen und saßen und spürten. Ich habe lange gesessen und auf die Orgel geachtet. Sie, die sonst für Töne und Klänge sorgt, schien staunend zu beobachten und wahrzunehmen, was da gerade „wurde“; denn diesen Eindruck hatte ich: Hier geschieht und wird etwas“. Die Abschrift ist dann doch nicht ganz fertig geworden. „Das wird aber noch“, ist die Pfarrerin optimistisch, „Einige haben bereits gesagt, sie würden gerne zu Hause weiter schreiben“. Für alle war der Moment – das Schreiben selbst und auch Teil einer Schreibgemeinschaft zu sein – das ganz besondere Erlebnis. Das fertige Werk soll gebunden und als Gemeinschaftsarbeit in den kommenden Gottesdiensten der Gemeinde ausgelegt werden.